Europa-Karte

Essay-Wettbewerb „Europäische versus nationale Identität“

Wir leben in einer kosmopolitischen Welt. Europäer können über den alten Kontinent verreisen, die Unternehmer ihre Produkte kaufen und verkaufen und Studierende problemlos im Ausland studieren. Menschen unterschiedlicher Kulturen, ethnischer Gruppen und Hintergründe können ohne größere Probleme wechselseitige Beziehungen pflegen. Das Gesicht Europas hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts dramatisch verändert. Heute wird die Frage der übernationalen Zugehörigkeit auf dem europäischen Kontinent in der Gesellschaft weitgehend ernsthaft diskutiert und angesprochen. Hat sich dabei eine Supraidentität durchgesetzt oder gilt eher die These: Die europäische Identität besteht aus nationalen Identitäten? Elemente der nationalen Identität sind in der europäischen Gesellschaft dominant. Wenn man die europäischen Nationen betrachtet, kann man den Schluss ziehen, dass die Aspekte der nationalen Identität in den europäischen Ländern präsent und tief verwurzelt sind. Menschen Europas empfinden ihre nationalen Identitäten stärker durch nationale Sprachen, Fahnen, Hymnen. Die Bürger der einzelnen Nationen sind stolz auf ihre eigene Geschichte, ihre Traditionen und Sitten. Über das politische Spektrum hinaus sehen wir den Aufstieg nationaler Parteien. Immer noch lesen und hören wir viel öfter über die Errungenschaften der einzelnen europäischen Nationen und nicht über Europa oder die Europäische Union als Ganzes. Neben den nationalen Identitäten gibt es auf dem alten Kontinent eine gemeinsame Identität. Erstens ist es wichtig, auf die europäische Geschichte zurückzublicken. Die Europäer teilen gemeinsam einen reichen „kulturellen“ Hintergrund. Seit Karl dem Großen, der auch „Pater Europae“ genannt wird, haben die europäischen Nationen intensiv aufeinander gewirkt. Trotz nationaler Unterschiede hat sich eine einzigartige Kultur entwickelt, deren Einfluss sich später weltweit verbreitet hat. Die Rede ist von so genannter „westlicher Kultur“, die auf der griechischen Philosophie, dem römischen Recht und natürlich auf der christlich-jüdischen Moral beruht (Science Daily). In diesem gemeinsamen kulturellen Kontext sind dementsprechend soziale Normen, ethische Werte, politische Systeme aber auch kulturelle Bräuche entstanden. Dieses Erbe kann man nicht nur einer europäischen Nation zuordnen, ganz im Gegenteil: Es stellt ein Fundament der gemeinsamen europäischen Identität dar (Debating Europe). Es ist offensichtlich, dass sich die nationale und die europäische Identität in unterschiedlichen Reifegraden befinden. Auch der Aufstieg nationaler Strömungen in Europa bestätigt nur die Dominanz der nationalen Identität. Nichtsdestoweniger schließen sich die nationalen Identitäten und die europäische Identität gegenseitig nicht aus. Es soll auch das Ziel sein, die nationale Identität nicht aufzugeben, sondern durch das gründliche und respektvolle Kennenlernen anderer Nationen eine gemeinsame Identität aufzubauen. Denn durch eine gemeinsame Identität verstärkt sich auch die Zugehörigkeit europäischer Länder. So werden nicht nur kontinentale, sondern auch globale Probleme und Herausforderungen viel effektiver angepackt werden können (Jiménez, Antonia). Darüber hinaus müssen sich die Europäer bemühen, ihre eigenen nationalen Identitäten aufrechtzuerhalten und ihre europäische Identität weiterzuentwickeln. Eine friedliche Koexistenz der nationalen und europäischen Identität ist daher nicht nur möglich, sondern auch notwendig (Journal of Identity and Migration Studies). Dieses einzigartige Modell fördert europäische Integration und ist Voraussetzung einer erfolgreichen Zukunft für Europa. Denn es gibt keine nationale versus europäische Identität mehr, sondern eher eine nationale und europäische Identität. Es ist kein Wettbewerb, sondern eine gegenseitige Anerkennung.

Radoslav Hospodár

Dieser Essay entstand für einen Wettbewerb, den die Hanns-Seidel-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für europäische und nordatlantische Beziehungen veranstaltet hat. Junge SchülerInnen sollten sich mit dem Thema „Europäische versus nationale Identität“ auseinandersetzen. Die Studenten hatten die Möglichkeit, die Essays entweder auf Slowakisch oder Deutsch zu verfassen. Radoslav Hospodár ist Schüler am Edita Stein-Gymnasium in Kaschau/Košice und gewann mit seinem Essay in der Kategorie Deutsch. Er wird am Europäischen Jugendforum der Hanns-Seidel-Stiftung im Kloster Banz teilnehmen. 
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