Der fliegende Mönch

Karpatendeutsche Sagen und Märchen: Der fliegende Mönch

Im Roten Kloster an dem Fluss Dunajec lebte einmal ein gescheiter und frommer Mönch namens Cyprian. Cyprian war anders als alle anderen Mönche im Kloster. Er hatte einen unruhigen Geist, einen gescheiteren Kopf und träumte davon fliegen zu lernen. In der Zeit, in der sich die anderen Mönche ihren Pflichten als Ordensbrüder widmeten, machte Cyprian Experimente. Er wollte unbedingt seinen Traum verwirklichen: wie ein Vogel zu fliegen. An einem schönen Sommernachmittag, als alle Klosterbrüder ihr Mittagsschläfchen hielten und Cyprian über den Büchern saß, klopfte plötzlich etwas an sein Fenster. Cyprian öffnete es und da flatterte ein wunderschönes, goldhaarig gelocktes Engelchen ins Zimmer. Es berührte Cyprian mit seinen rosigen Fingerchen und hielt ihm einen Zauberspiegel vor. In dem Zauberspiegel erblickte Cyprian eine schöne Schäferin. Am Ufer des Kesmarker Grünen Sees flocht sie bunte Tatrablumen zu einem Kranz. Auf ihre Schultern fielen ihre glänzenden goldblonden Locken. Die Schäferin blickte ihn mit ihren blauen Augen an. Ihre Lippen waren blutrot und ihre Wangen glühten. Als Cyprian dies erblickte, fühlte er gleich, wie das Blut durch seine Adern schoss. Er war wortlos. Auf einmal fühlte er, wie seine Schuhe und Ärmel sich auflösten und ihm aus Knöcheln und Schultern Flügel wuchsen. Er schwang sich in die Luft und flog über Berg und Tal, über Wald und Feld, bis an den Grünen See, wo ihn das entzückende Mädchen freundlich und lächelnd begrüßte. Sie umschlangen einander und sanken ins Gras. Da schlich sich leise das rosige Engelchen an Cyprian heran und strich ihm mit seinem zarten Fingerchen vom Scheitel bis zur Sohle über den Leib hinweg. Da verschwanden auf einmal die Zauberflügel, weil Cyprian sie nicht mehr brauchte. (nach Sagen aus der Hohen Tatra, Alfred Grosz, S. 89)

Anna Fábová

Pädagogische Fakultät

Comenius-Universität Bratislava/Pressburg