Der Autor von "Rozviazane jazyky"Jozef Tancer

Losgelöste Sprachen: Im Gespräch mit Germanist Jozef Tancer

Jozef Tancer ist Dozent am Germanistik-Lehrstuhl der Komenius Universität in Pressburg. In den letzten zehn Jahren führte er über einhundert Gespräche mit älteren Menschen, die sich noch daran erinnern, wie es in der Stadt an der Donau einst war – damals als Mehrsprachigkeit noch eine alltägliche Selbstverständlichkeit war. Herauskam dabei „Rozviazané jazyky“ (auf Deutsch „Losgelöste Sprachen/Zungen“), ein spannendes Buch, für das er derzeit einen Verleger in Deutschland sucht. Dem Karpatenblatt stand Jozef Tancer Rede und Antwort. KB: Ihr Buch war ja innerhalb von zwei Monaten ausverkauft, was findet man darin denn? JT: Es handelt sich um Sprachbiografien von Menschen, die in der Zwischenkriegszeit geboren sind. Der älteste Interviewte war Jahrgang 1916, der jüngste 1933. Ich habe die Menschen gefragt, mit welchen Sprachen sie hier aufgewachsen sind, wo sie die Sprachen gelernt haben, was für einen Stellenwert die Sprachen in ihrer Familie und ihrer Umgebung hatten. Dann habe ich versucht, generell bestimmte Phänomene zu beschreiben, die für die Zwischenkriegszeit in Pressburg typisch waren.
Titelseite von "Rozviazane jazyky"

„Rozviazane jazyky“, das neue Buch von Jozef Tancer

KB: Welche Sprachen wurden hier denn eigentlich gesprochen? JT: Es ging vor allem um eine Mehrsprachigkeit, die ich als „regionale Mehrsprachigkeit“ bezeichne. Die bestand aus Deutsch, Ungarisch und Slowakisch. Nach 1918 kam das Tschechische dazu, außerdem lebten hier Bulgaren und russische Migranten. In einem Vorort von Pressburg waren auch Kroaten heimisch. Zu den Sprachen, die hier benutzt wurden, gehörten ebenso das Hebräische und das Jiddische. Diese Sprachen kamen hier alle miteinander in Berührung und sie hatten daher den Charakter einer sogenannten Kontaktsprache.
„Mehrsprachigkeit war etwas Alltägliches.“
KB: Was hat Sie bei den Gesprächen am meisten erstaunt? JT: Bei den ersten zwanzig Personen alles, denn das Thema war für mich zum größten Teil neu. Was mich erstaunt hat, war, dass diese Mehrsprachigkeit, die wir heute aus der Perspektive der Bildung als einen großen Wert ansehen, etwas Alltägliches war, worum sich keiner so besonders gekümmert hat. Sie hat einfach dazugehört und die Menschen haben keine Regeln oder Praktiken entwickelt, um ihre Kinder mehrsprachig aufwachsen zu lassen. Man hat die Kinder einfach auf die Straße geschickt und dort haben sie im Spiel mit den anderen Kindern Schritt für Schritt die Sprache oder Teile davon erworben. KB: Und was haben Sie über die deutsche Sprache herausgefunden? JT: Deutsch heißt nicht gleich deutsch. Es gibt die sogenannte Schriftsprache, die man in der Schule erworben hat. Es gibt aber auch den Dialekt, der hier in Pressburg gesprochen wurde. Das sind nicht nur zwei unterschiedliche linguistische Formen, sondern es sind zwei Sprachen, die einen unterschiedlichen Status haben, die an unterschiedliche Situationen gebunden sind. Wenn man sagt, dass jemand deutsch spricht, ist das viel komplexer als man es mit diesem einen Wort ausdrücken kann.
„Deutsch heißt nicht gleich deutsch“
KB: In dem Buch finden die Leser zwanzig Beispiele, die bunt gemischt die Zeit von damals widerspiegeln. Zeichnen die Geschichten ein Bild des damaligen Pressburgs? JT: Es beschreibt eine Kommunikationssituation, die nicht nur für Pressburg typisch war, sondern eigentlich für das ganze Zentraleuropa der Zwischenkriegszeit. Phänomene wie das sogenannte Mischmasch von Sprachen oder Erfahrungen des Sprachverlusts kennen Deutsche in Pressburg sehr gut, aber auch in der ganzen Slowakei und nicht nur Deutsche, sondern alle nationalen Minderheiten in dieser Region, in der wir leben.  
Zur Person: Jozef Tancer
Jozef Tancer ist Germanist und Historiker. Derzeit arbeitet er an der Philosophischen Fakultät der Komenius Universität in Pressburg/Bratislava. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Erforschung der deutschen Sprache und Kultur in der Slowakei. Er schrieb außerdem mehrere Arbeiten über die Geschichte Pressburgs.