Das Mädchen in der rosa Tracht
Vor dem Saal, in dem in wenigen Minuten das Kulturprogramm des diesjährigen Jugendfestes beginnt, verschwimmt alles zu einem geschäftigen Rauschen. Stimmen überlagern sich, einzelne Gesprächsfetzen dringen für einen Moment durch und verlieren sich gleich darauf wieder. Jugendliche in Tracht huschen durch den Flur, im Vorbeigehen wird noch schnell etwas zugerufen. Stuhlbeine scharren über den Boden, Türen schwingen auf und fallen wieder ins Schloss. Hier wird noch etwas gerichtet, dort ein letzter Blick gewechselt. Der ganze Flur scheint in Bewegung geraten zu sein. Alles eilt, alles drängt, alles wartet darauf, dass es endlich beginnt.
Bis auf ein kleines Mädchen in leuchtend-rosafarbener Tracht. Regungslos steht sie vor einer Glastür, ganz versunken in ihr Spiegelbild. Sie macht einen kleinen Schritt zurück. Dann dreht sie sich.
Der Rock bauscht sich auf, breitet sich für einen Augenblick in sanften Wellen um sie aus und sinkt langsam wieder herab. Sie wartet, bis der Stoff zur Ruhe kommt, betrachtet ihr Spiegelbild und dreht sich noch einmal, diesmal ein wenig schneller.
Während ich ihr zuschaue, frage ich mich, ob sie ahnt, wie viel Zeit und Sorgfalt in dem Rock stecken, über den sie sich gerade so freut. Irgendwann hat jemand seine Farben ausgewählt, den Stoff zugeschnitten und Stich für Stich die Muster hineingestickt. Lange bevor er seinen Weg zu diesem kleinen Mädchen fand, haben Hände mit Geduld und Liebe an ihm gearbeitet. In seinem Stoff trägt er etwas von den Menschen und dem Ort mit sich, zu denen er gehört – und von Geschichten, die lange vor ihrer eigenen begonnen haben.
Weiß sie, dass das in gewisser Weise der Grund ist, warum all diese Menschen hierhergekommen sind?
Eigentlich spielt es keine Rolle, denke ich, wenn ich sie lächeln sehe. Sie hat darin etwas viel Einfacheres gefunden: Freude.
Und davon gibt es an diesem Wochenende reichlich.
Seit seiner Premiere im Jahr 2012 ist das Jugendfest zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens der Karpatendeutschen geworden. Zum 13. Jugendfest kamen junge Menschen aus der Slowakei, Tschechien, Ungarn und Rumänien für drei gemeinsame Tage nach Tatralomnitz/Tatranská Lomnica in die Hohe Tatra.
Das gemeinsame Wochenende begann am Freitagabend mit Musik von Robi-M. Am Samstag folgten ein Schreibseminar mit der Karpatenblatt-Redaktion, Proben und Ausflüge in die Umgebung, bevor am Abend das Kulturprogramm begann. Acht Gruppen aus vier Ländern brachten ihre Tänze, ihre Musik und ihre Traditionen mit auf die Bühne.
Doch was das Jugendfest ausmacht, lässt sich nicht allein in Programmpunkten und Auftritten festhalten.
Es zeigt sich in den kleinen Momenten, die leicht übersehen werden: wenn jemand einen Stuhl zur Seite rückt, damit ein anderer Platz nehmen kann; wenn Menschen, die sich erst seit ein paar Stunden kennen, einander ganz selbstverständlich ins Gespräch einbeziehen, auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Man spürt es in herzlichen Blicken und kleinen Gesten, in geteilten Geschichten und Freundschaften, die gerade erst entstehen.
Es zeigt sich dort, wo all das, was uns voneinander unterscheidet, plötzlich kein Hindernis mehr ist. Wo es für eine Weile kein „Wir“ und kein „Sie“ gibt, sondern einfach Menschen, die etwas miteinander teilen.
Und es zeigt sich in dem, was bleibt und weitergegeben wird. In Traditionen, die behutsam in jüngere Hände gelegt werden, ohne dort stillzustehen.
So findet eine alte Melodie eine neue Stimme. Ein vertrauter Tanz jüngere Füße. Und eine alte Tracht ein kleines Mädchen, das uns ganz nebenbei zeigt, worum es an diesem Wochenende wirklich ging.
Um Freude.
Lucia Vlčeková






