Aktie der Cserehater Bank

Die Cserehater Bank (1870 – 1950)

Kann eine kleine Gruppe von Leuten in einem Ort mit etwa 3.500 Einwohnern eine Bank gründen? Sie denken, das geht nicht? Doch, das ist tatsächlich geschehen – im Jahr 1870 in Metzenseifen. Den Namen erhielt diese Bank nach der Verwaltungseinheit, in der sie gegründet wurde, dem Cserehater Bezirk. Erst die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges beendeten die erfolgreiche Tätigkeit der Bank. Blicken wir zurück ins 19. Jahrhundert. Zum Cserehater Bezirk/Csereháti járás gehörten im Norden Stoß/Stos und Aranyidka/Zlata Idka sowie Ober- und Unter-Metzenseifen. Der Bezirk zog sich als schmaler Landstreifen von den genannten Orten über Szepsi (Moldava) südwärts bis nach Alsó Gagy im heutigen Ungarn.
Aktie der Cserehater Bank

Vorderseite der Aktie Nr. 0722 der Cserehater Bank (1930)

Wachstum durch Handwerk
Metzenseifen entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer blühenden Stadt. Im Jahr 1842 standen in und um den Ort 109 Hammerwerke, eine Zahl, die man sich heute nur sehr schwer vorstellen kann. Die Produktion lief auf Hochtouren, so waren 1860 etwa 300 Arbeitskräfte allein mit dem Herstellen von Nägeln beschäftigt. Es wurden diverse Metallteile, Werkzeuge und Geräte hergestellt. Die Erzeugnisse waren gut und begehrt. Sie wurden nicht nur in Ungarn und Österreich, sondern über Europa hinaus verkauft. Das Metzenseifner Handwerk war ein Begriff für Qualität.
Vom Handwerk zur Industrie
Durch die industrielle Revolution in Europa wuchs der Druck auf das Metzenseifener Handwerk, sich den neuen Bedingungen anzupassen. Vieles konnte jetzt mit Maschinen schneller, billiger und in gleicher Qualität erzeugt werden. Nur die Betriebe, die sich rechtzeitig umstellten, konnten weiter existieren. Die Metzenseifner Firmen hatten mit ihren Produkten auf Messen große Erfolge. Das brachte neue Aufträge. So arbeiteten im Jahr 1870 neben den Nagelschmieden etwa 500 Schmiedemeister und -gesellen. Sie produzierten 147 Arten von Schmiedeerzeugnissen.
Nicht auf Erfolg ausruhen
Diese Erfolgsbilanz musste gegenüber der wachsenden Konkurrenz von außen gesichert werden. Es galt den Handel auszubauen, die Absatzmärkte zu erweitern. Dazu waren Investitionen erforderlich. Die nächste Bank befand sich zu diesem Zeitpunkt in Kaschau. Verhandlungen über Kredite waren schwierig und kosteten Zeit. Eine Gruppe von Unternehmern, geführt von Simon Pöhm, fasste daher den Entschluss, eine eigene Bank zu gründen.
Die Cserehater Sparkasse entsteht
Unter der Bezeichnung Csereháti takarékpénztár (Cserehater Sparkasse) entstand im Jahr 1870 diese Bank mit der Rechtsform einer Aktiengesellschaft. Das Gründungskapital betrug 30.000 Gulden. Es setzte sich aus 600 Aktien mit einem Einzelwert von 50 Gulden zusammen. Erster Direktor war ihr Hauptinitiator, Simon Pöhm.
Sparbuch der Cserehater Bank

Ein Sparbuch von 1940

Grundprinzip Seriosität
Die Abläufe in der Bank wurden zeitnah überprüft – das ging auch ohne Computer sehr gut. Kredite wurden verantwortungsvoll erteilt. Die seriöse Geschäftsführung sprach sich herum, die Einlagen erhöhten sich. Von den Gewinnen wurden Reserven gebildet und den Aktionären eine angemessene Dividende gezahlt. Auch die Sparer wurden durch gute Zinsen an dem Erfolg der Bank beteiligt. Besonders an den Markttagen war die Bank gut besucht, viele Kunden kamen aus dem Norden “über die Berge”, aber auch die mehrheitlich ungarische Bevölkerung aus den südlich gelegenen Orten besaß ein Sparbuch bei der “Cserehati”.

Kaschauer ZeitungMitteilung der Kaschauer Zeitung vom 14.6.1894

Krisen überstanden
Auch weil sie sich nicht an Finanzspekulationen beteiligte, schaffte es die Cserehater Bank die mit dem Börsenkrach von 1873 beginnende Wirtschaftskrise zu überstehen. Weitere schwere Zeiten kamen mit dem Ersten Weltkrieg und den sich danach ergebenden neuen Grenzen. Anlagen in sicher geglaubte Staatspapiere gingen verloren, die Einlagen mussten in die neue Währung (Tschechoslowakische Krone) transferiert werden. Dass neue Vorschriften das Umbenennen in “Bank” verlangten, war kein Problem, und auch die Wirtschaftskrise der 30er Jahre wurde überstanden. Die Zahl der Aktien, jetzt mit einem Wert von 1.000 Kronen, erhöhte sich auf 1.500 Stück. Die Zeiten blieben aber schwierig. Nach dem Wiener Schiedsspruch von 1938, der den Südteil der Slowakei an Ungarn gab, lag Metzenseifen plötzlich ganz dicht an der ungarischen Grenze. Das Handwerk und die Cserehater Bank verloren Kunden und Geld, da sich z.B. hinterlegte Sicherheiten nun in einem anderen Land befanden.
Unverschuldetes Ende
Das Ende begann mit dem im Oktober 1945 von Beneš unterzeichneten Nationalisierungsdekret. Die Bank wurde verstaatlicht und “in Liquidation” gesetzt. Ende 1949 fand dies seinen Abschluss. Mit 28 weiteren Banken erfolgte 1950 ihre Eingliederung in die Národná Banka Slovenska. Im Rahmen der Bankenkonzentration war auch für diese kein Platz, sie ging noch 1950 u.a. mit der Staatssparkasse und der Tatra Bank in die Tschechoslowakische Staatsbank ein.

Dr. Heinz Schleusener

(Dank an András Gedeon und Jozef Schmiedl für die Unterstützung mit Bild- und Textmaterial)