Die Heimat in der Schultasche – eine ergreifende Graphic Novel

Über 100 Millionen Menschen waren 2022 auf der Flucht, schätzt das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen UNHCR. Fast täglich sieht man im Fernsehen Bilder aus aller Welt, in denen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Dennoch ist den meisten nicht bewusst, wie viele Familien in Deutschland und Österreich von solch einer Extremsituation betroffen waren. Die Graphic Novel „Die Heimat in der Schultasche“ erzählt die bewegende Fluchtgeschichte von Heinz H. Bathelt, der als sechsjähriger Junge während des Zweiten Weltkriegs aus Schlesien nach Österreich fliehen musste.

Herausgegeben von seinem Sohn Christoph Bathelt und illustriert von der slowakischen Grafikerin Klára Štefanovičová, bietet „Die Heimat in der Schultasche“ einen einzigartigen und niedrigschwelligen Zugang zu einer Zeit, die das Leben vieler Menschen für immer veränderte. Das Schicksal der 14 Millionen deutschen Heimatvertriebenen blieb viele Jahre wenig beachtet, Trauer- bzw. Traumaarbeit fand so gut wie nicht statt. Erst in jüngerer Zeit, wo die Erlebnisgeneration schon fast verschwunden ist, widmen sich Wissenschaftler dem Schicksal der „Kriegskinder“. Textlastige Bücher bieten aber keinen angemessenen Zugang für heutige Jugendliche. Deshalb kam Christoph Bathelt die Idee, die tatsächliche Fluchtgeschichte seines Vaters von Schlesien nach Österreich in der Form einer Graphic Novel – der „ernsthafteren“ Form eines Comics – aufzubereiten.

Das Deckblatt der Graphic Novel
Das Deckblatt der Graphic Novel

Die wahre Geschichte

„Die Fluchtgeschichte meines Vaters Heinz H. Bathelt hat mich schon seit früher Kindheit fasziniert“, erzählt Christoph Bathelt. „Immer wieder musste er sie mir erzählen, und viele Jahre drängte ich ihn, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben.“ 2010 schloss Heinz H. Bathelt dies ab und war über den Umfang selbst überrascht – vier Ordner mit handgeschriebenen DIN A4-Seiten. Christoph Bathelt habe lange gezögert, die Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen, da sie ihm sehr detailliert und persönlich schienen: „Aber als ich es dann las, war es beinahe wie die Neuentdeckung meiner Familie und von mir selbst, denn nun konnte ich endlich viele Ereignisse und Geschichten auch meines Lebens besser einordnen und die Hintergründe verstehen.“

Anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes 2020 erschien in einigen Zeitungen, unter anderem dem Karpatenblatt, der Bericht von Heinz H. Bathelt und erntete sehr positive Resonanz. Solche Dokumente von Zeitzeugen bleiben aber leider oft nur einem kleinen Kreis vorbehalten und immer weniger Menschen haben einen persönlichen Bezug dazu. Daher sei Christoph Bathelt der Gedanke gekommen, durch die Möglichkeit einer „Graphic Novel“ eine Form zu schaffen, die auch jüngeren Generationen die Zeit von damals näherbringt.

Ein Blick in die Publikation
Ein Blick in die Publikation

Er habe sich daraufhin an die junge slowakische Grafikerin Klára Štefanovičová (Jahrgang 1995) gewandt und sich erkundigt, ob Interesse an einer Zusammenarbeit bestünde. Dies habe sich als doppelter Glücksfall erwiesen: „Klára Štefanovičová ist nicht nur nahe dem Alter der Zielgruppe, sondern nahm auch persönlich Anteil an der Geschichte meines Vaters und wollte ein optimales Ergebnis abliefern – und das ohne Vorkenntnisse.“ Für ihn selbst sei es eine Herausforderung gewesen, alles Erzählte korrekt zu recherchieren, nach den entsprechenden Fotos zu suchen oder zeitgenössische Bilder zu gestalten. Als Historiker habe er zudem den Anspruch gehabt, das Erzählte und die tatsächlichen Vorkommnisse zu überprüfen. Oft sei er selbst überrascht gewesen, wie präzise und detailliert die Eindrücke seines damals sechs- bzw. siebenjährigen Vaters mit den Kriegsereignissen übereinstimmten.

Christoph Bathelt mit seinen Eltern
Christoph Bathelt mit seinen Eltern

Ein lebendiges Bild tragischer Ereignisse

Die Geschichte von Heinz H. Bathelt, der im Oktober vergangenen Jahres verstorben ist, ist nicht nur eine individuelle Erfahrung, sondern steht stellvertretend für das Schicksal einer ganzen Generation. Mit präzisen Beobachtungen und erstaunlichen Details vermittelt sie ein lebendiges Bild der damaligen Ereignisse. Das Buch, im DIN A4-Format mit Softcover, umfasst 32 farbige Seiten und ist im Neue Welt Verlag erschienen.

Die Veröffentlichung dieses Buches ist ein bedeutender Schritt, um die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten und den nachfolgenden Generationen zu vermitteln, welchen Herausforderungen und Traumata die Menschen ausgesetzt waren. Es ist ein Beitrag zur Dokumentation und Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines Kindes.

Red