Karpatendeutsche Märchen

Karpatendeutsche Sagen und Märchen: Die Hexe von Lopuszno

Ein junges und schönes Mädchen verschwand eines Tages aus Lopuszno. Wie dies genau passierte, wusste niemand. Nirgends war auch nur die leiseste Spur von ihr zu finden. Seit sie verschwunden war, verfloss einige Zeit. Eines Tages musste ein Einwohner des Dorfes wegen einer wirtschaftlichen Angelegenheit weit in die Lopusznoer Berge. Er spazierte durch die Hügel und sah plötzlich mitten im ärgsten Dickicht, an einem Bach ein Mädchen, das Wäsche wusch und bleichte. Leise schlich er sich näher, um besser zu sehen und erkannte sie genau. Das Mädchen erkannte den Mann aus dem Dorfe auch sofort. Sie erzählte ihm, sie sei von einem wilden Weibe geraubt worden. Flehentlich bat sie ihn, er möge sie aus ihrer Gewalt befreien. Der Mann, der ein Gorale war, erklärte sich gern dazu bereit. Die Gelegenheit war nicht günstig, also beschlossen sie einen anderen Tag festzulegen. Sie einigten sich: An diesem Tage werde das Mädchen wieder an dem Bach waschen und der Mann nicht zu Fuß, sondern mit einem Pferde kommen. Der Gorale hielt sein Wort. An dem abgesprochenen Tag kam der Gorale an den Bach und fand das Mädchen am besprochenen Ort. Er zog sie auf das Pferd und galoppierte mit ihr Richtung Dorf. Als die Hexe, die das Mädchen entführt hatte, bemerkte, dass das Mädchen verschwunden war, nahm sie die Verfolgung auf. Sie erreichte so eine hohe Geschwindigkeit, dass sie die Flüchtenden auf einer großen, breiten Wiese beinahe eingeholt hatte. Die Wiese war übersät mit Glockenblumen. Als das Mädchen, die drohende Gefahr erkannte, rief es seinem Retter zu: „Bleibe zwischen den Glocken!“ Der Gorale befolgte die Warnung des Mädchens und lenkte sein Pferd in die Blumen hinein. Wie aus Geisterhand konnte die alte Hexe ihnen aber nicht folgen, als würden die Glockenblumen sich gegen sie wehren. Das wilde Weib musste einen großen Umweg machen. Währenddessen gewannen die Flüchtenden auf dem geraden Weg und geschützt von den Glockenblumen einen großen Vorsprung. Als sie endlich der Wildnis entschlüpften, erreichten sie wenige Meter weiter wohlbehalten das Dorf, in dem sie geboren waren und in dem die Kraft der Wasserhexe keine Wirkung hatte.

Anna Fábová

(nach Alfred Grosz, Sagen aus der Hohen Tatra)