Zipser Sommernachtstraum

Kochen mit dem Karpatenblatt: Zipser Sommernachtstraum

Pünktlich zum Sommeranfang möchte ich Ihnen gerne und mit großer Freude den Zipser Sommernachtstraum vorstellen. Ein sehr einfaches jedoch sehr erfrischendes Dessert. Es wurde aus der Not (zu der komme ich später noch) heraus (aber nicht in der Zips) geboren.

Auch andere Gerichte wurden ganz woanders geboren, als es der Name oder die Zubereitungsart und deren Zutaten vermuten lassen. Als da wären: die „Zuppa Romana“, eine italienische Torte. Diese besteht aus drei zuvor in Amarenakirschen-Saft und Rum getränkten Biskuiteigschichten, die mit Vanillecreme bestrichen und anschließend umhüllt mit einer dicken Schicht Schlagsahne, mit kandierten Kirschen garniert werden. Sie stammt nicht, wie man meinen könnte, aus Italien, tatsächlich wurde sie 1954 in München auf der Maximilianstraße im Café Roma erfunden. Die in Amerika bestbekannten „Spaghetti in Tomatensauce mit Fleischbällchen“ haben auch mit Italien gar nichts zu tun, denn dieses vermeintlich italienische Gericht stammt aus den USA. Wie auch das Gericht „Chop Suey“ („gemischtes Kleingeschnittenes“), das aus verschiedenen Gemüsen und dünnen Hühner-, Schweine- oder Rindfleischscheiben besteht. Dieses ist als chinesisches Gericht überall auf der Welt, aber nicht in China selbst bekannt. Denn es entstand nicht in China, sondern in San Francisco, Kalifornien. Wobei sich einige sehr unterschiedliche Legenden um die Entstehung dieses Gerichts ranken. Eine davon besagt aber wiederum, dass Chop Suey sehr wohl aus China sei und es sei aus der Provinz „Guangdong“ mit chinesischen Einwanderern nach Kalifornien gekommen.

Blick auf die Hohe Tatra in der Zips

Die Zipser Sommerkreation

Die Entstehung vom „Zipser Sommernachtstraum“ ergab sich in Deutschland. Einst in einer lauen Sommernacht im Jahre 1986 kam ich sehr spät von einem Einkaufsbummel heim. Meine Eltern saßen draußen und genossen den Abend. „Heute erzählt er aber viel von sich aus, aus der alten Zipser Heimat“, flüsterte ich meiner Mutter zu. Ja, liegt wohl daran, dass Johannes heute zum Zahlen da war, antwortete sie. Johannes war ein ehemaliger Nachbar und Kunde von uns und war im Krieg als Soldat auch in der Zips gewesen. Dies erweckte dann bei beiden stets dieselben alten Anekdoten. „Lasst mich raten, Johannes hat bestimmt auch wieder davon erzählt, dass es in der Slowakei trotz Krieg echten Bohnenkaffee gab und sie in Deutschland damals davon nur träumen konnten?“, fragte ich. Meine Mutter nickte und ich verspürte einen regelrechten Heißhunger auf etwas Süßes mit einer Tasse Kaffee dazu. Doch an jenem Abend war nichts, aber auch gar nichts Süßes weder im Eis- noch im Kühlschrank. Ich fand aber etwas Sauerrahm im Kühlschrank, dem ich einen Esslöffel Zucker zufügte.

Meine Mutter fragte, ob ich mir vielleicht noch eine Banane dazu reinschneiden möchte? „Die letzte Banane habe ich heute schon gegessen“, schrie mein Vater von draußen in die Küche. „Macht nichts“, sagte ich, denn ich wusste, wie sehr mein Vater Bananen liebte. Darauf fragte ich ihn, ob er denn damals in der Zips auch schon Bananen kannte. „Nein, aber ich kann mich erinnern, als Kind meine erste Orange in Kesmark gegessen zu haben“, antwortet er. „Stichwort Orangen“, sagte ich laut und ging zur Speis und kramte von ganz hinten eine Dose Mandarin-Orangen heraus. Ich siebte den Sirup darin in ein Glas, das ich mit Sprudelwasser auffüllte und gab die Mandarin-Orangen auf den gesüßten Sauerrahm.

Meine Mutter servierte mir eine Tasse „Turka“, (Kaffee, bestehend aus gemahlenem Kaffee mit heißem Wasser, auf dreimal aufgebrüht), wie er früher in der Tschechoslowakei allgemein üblich war, dazu und probierte von meiner Dessertkomposition. „Nicht schlecht, aber etwas fehlt noch“, stellte sie fest und sagte schmunzelnd: „Stichwort echter Bohnenkaffee in der Slowakei und das im Krieg“ und streute eine Prise gemahlenen Kaffee darüber. Auch mein Vater probierte und war sehr begeistert.

Es schmeckte uns allen sehr gut und wir stellten freudig fest: „Sehr lecker und auch sehr erfrischend!“ „Genau das Richtige im Sommer.“ „Das machen wir mal wieder.“ „Und wie nennen wir das dann jetzt?“, fragte mein Vater neugierig die Schallplatte (ein „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy) aus der Tüte nehmend, die ich von meinem Bummel mitgebracht hatte. Meine Mutter und ich sahen uns mit großen Augen an und sagten gleichzeitig: „Zipser Sommernachtstraum!“

Zipser Sommernachtstraum

ZUTATEN

Pro Person:

1 Becher Sauerrahm

1 Dose Mandarin-Orangen

1 Esslöffel Zucker

Etwas gemahlenen Kaffee (Ihrer Wahl)

Zubereitung

Sauerrahm in eine kleine Schüssel geben und mit einem Esslöffel Zucker verrühren. Abgesiebte Mandarin-Orangen darüber geben und eine Prise gemahlenen Kaffee darüber streuen.

Zipser Sommernachtstraum

Als Getränk bietet sich hierzu an, den abgesiebten Sirup der Mandarin-Orangen mit etwas Sprudelwasser/Soda in einem Glas aufzufüllen und eine Tasse Kaffee, Turka oder doppelter Espresso. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Nachkochen und „Dobrú chuť“/“Guten Appetit“!

Norbert Hecht