Auf den Spuren der hopgärtnerischen Mundart
Die deutschen Mundarten der Slowakei gehören zu den am wenigsten erforschten Sprachvarietäten im mitteleuropäischen Raum. Besonders die Mundart von Hopgarten/Chmeľnica, die seit dem Mittelalter gesprochen wird, stellt ein einzigartiges Zeugnis der Sprach- und Kulturgeschichte der Karpatendeutschen dar. Im Rahmen ihrer Masterarbeit widmete sich Adriana Gutzmann der Untersuchung dieser Mundart. Sie erforschte deren Entwicklung in den vergangenen hundert Jahren. Heute setzt sie ihre Arbeiten als Doktorandin an der Universität Zürich fort. Im Karpatenblatt-Gespräch berichtet sie, wie sie auf dieses Forschungsthema aufmerksam wurde, welche sprachlichen Besonderheiten sie faszinieren und weshalb Mundarten weit mehr sind als nur regionale Sprachformen.
Sie erforschen eine Mundart, die gar nicht Ihre eigene ist. Wie sind Sie auf dieses Forschungsthema gestoßen?
Durch eine Fernsehsendung wurde ich auf die größte historische Schulbibliothek Mitteleuropas, die Lyzealbibliothek in Kesmark/Kežmarok, aufmerksam. Da ich aus der Slowakei stamme, aber seit mehreren Jahren in der Schweiz lebe und dort Germanistik studiert habe, war ich zu jener Zeit auf der Suche nach einem spannenden Thema für meine Masterarbeit. Bei einem Heimatbesuch nutzte ich die Gelegenheit, die Lyzealbibliothek zu besuchen und mehr über die Karpatendeutschen zu erfahren. Bei meinen Recherchen zur Geschichte, Kultur und Sprache der Karpatendeutschen wurde mir schnell deutlich, dass die deutschen Mundarten in der Slowakei bislang nur wenig erforscht wurden. Die Suche nach Zeitzeuginnen und Zeitzeugen war zunächst eine Herausforderung. Mit Unterstützung des Karpatendeutschen Vereins und seines damaligen Vorsitzenden Dr. Ondrej Pöss gelang es mir jedoch, Kontakte herzustellen, sodass ich im Oktober 2023 meine erste Feldforschung in Hopfgarten/Chmeľnica durchführen konnte.
Welches sprachwissenschaftliche Rätsel wollten Sie mit Ihrer Masterarbeit lösen?
Das Ziel meiner Masterarbeit bestand darin, die seit dem Mittelalter gesprochene Mundart der Gemeinde Hopgarten diachron, d. h. über einen längeren Zeitraum, zu untersuchen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die Mundart in den vergangenen 100 Jahren verändert hat – von ihrem Wortschatz über die Aussprache bis hin zu Grammatik und Bedeutung einzelner Wörter.
Welche sprachlichen Besonderheiten sind Ihnen bei Ihrer ersten Untersuchung besonders aufgefallen?
Die Mundart zeichnet sich durch zahlreiche sprachliche Besonderheiten aus. Auffällig sind nicht nur Unterschiede in der Aussprache, sondern auch in der Grammatik und im Satzbau. Zudem finden sich Einflüsse aus den slawischen Sprachen sowie charakteristische Laut- und Wortbildungen, die sich durch die lange geografische und sprachliche Isolation der Sprachgemeinschaft bis heute erhalten haben.
Was verraten Dialekte oder Mundarten über Sprache, Geschichte und Gesellschaft und warum lohnt es sich, sie wissenschaftlich zu erforschen?
Jede Sprache oder jede Mundart trägt ein Stück Geschichte, Stolz und Erinnerung in sich. Gerade die Erforschung und Deutung mundartlicher Ausdrücke liefert nicht nur sprachwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch wertvolle Schlüsse über das kulturgeschichtliche Erbe bestimmter Gemeinschaften. Dadurch wird deutlich, dass Mundarten weit mehr sind als sprachliche Varianten – sie sind Spiegelbilder lokaler Kulturen und ihrer Identität, Sitten und Traditionen.

Was denken die Menschen, wenn Sie sagen, dass Sie Dialekt- bzw. Mundartforschung betreiben?
Die erste Reaktion ist oft die Frage: „Warum machst du das überhaupt?“ Viele stellen sich Sprachwissenschaft als reine Schreibtischarbeit vor – mit alten Büchern, Wörterlisten und Archiven. Tatsächlich ist die wissenschaftliche Arbeit und vor allem die Mundartforschung viel mehr als das. Sie bedeutet, hinauszugehen, Menschen zu begegnen, zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und ihre Geschichten zu dokumentieren. Ich bin deshalb von Herzen dankbar für alle Menschen, die ihre Zeit, ihre Sprache und ihre Erinnerungen mit mir teilen und meine Forschung erst möglich machen. Denn jede Begegnung trägt dazu bei, dieses einzigartige sprachliche und kulturelle Erbe zu bewahren – für heute, für morgen und für die zukünftigen Generationen.
Wenn Sie mit einer Zeitmaschine 100 Jahre zurückreisen könnten – welche Frage würden Sie den damaligen Mundartsprecherinnen und Mundartsprechern am liebsten stellen?
Ich würde sie gerne fragen: „Wie glauben Sie, wird Ihre Mundart in 100 Jahren klingen? Glauben Sie, dass sie dann noch im Alltag gesprochen wird oder nur noch in Erinnerungen weiterlebt?“ Es wäre spannend zu erfahren, welche Vorstellungen die Menschen damals von der Zukunft ihrer Sprache hatten und ob sie den Sprachwandel, den wir heute beobachten, überhaupt für möglich gehalten hätten.
Stehen bereits neue Forschungsziele oder Projekte auf Ihrer Agenda?
Ich freue mich sehr, meine Forschung im Rahmen meiner Dissertation an der Universität Zürich fortsetzen zu können. Aufbauend auf meiner Masterarbeit untersuche ich die Ursachen und Folgen des aktuellen Sprachwandels sowie weitere sprachliche Besonderheiten der hopgärtnerischen Mundart. Ziel ist es, ihre Entwicklung noch genauer zu analysieren und ein umfassenderes Bild ihrer Geschichte und ihres Wandels zu gewinnen.
Das Gespräch führte Patrik Lompart.
