weihnachten

Der Mitternachtstrompeter zur Weihnachtszeit

Mischt sich Ihre Freude über das bevorstehende Weihnachtsfest mit Erinnerungen an vergangene Feste? Denken Sie dabei auch an das Singen von Weihnachtsliedern unter dem Christbaum im Kreis der Familie oder an besonders schöne Weihnachtskonzerte? Vielleicht haben Sie das, was wir jetzt schildern, erlebt – oder etwas Ähnliches. Wie auch immer – Frohe Weihnachten!

Mitternachtstrompeter
Unser Mitternachtstrompeter beim Vorspielen im Gymnasium

Metzenseifen/Medzev im Jahr 1937. Am Heiligen Abend herrschten frostige Temperaturen und in der Kirche war es eiskalt. Wie stets zu Weihnachten, waren viele Metzenseifner zur Mitternachtsmesse in die Kirche Mariä Geburt gekommen. Sie spürten, dass Pfarrer Kornél Knüppel in seiner diesem speziellen Tag gewidmeten Predigt auch von ihren Sorgen um die Zukunft ablenken wollte.

Wirtschaftliche und politische Ungewissheit

Diese Sorgen waren groß. Metzenseifen mit dem traditionellen Schmiede- und Tischlerhandwerk hatte die durch die technischen Umwälzungen Ende des 19. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre entstandenen Probleme noch nicht überwunden. Viele Handwerker hofften jetzt auf einen wirtschaftlichen Aufschwung der Region. Unsicherheit brachten die um die deutsche Bevölkerung werbenden neuen politischen Strömungen.

Neben der 1920 in Kesmark/Kežmarok gegründeten „Zipser Deutschen Partei” (ZDP) waren dies die 1928 aus der “Karpatendeutschen Volksgemeinschaft” hervorgegangene “Karpatendeutsche Partei “(KdP). Erstere war ungarisch orientiert und wurde eher von der älteren Generation akzeptiert, während die KdP zu diesem Zeitpunkt von der „Sudetendeutschen Partei” (SdP) umworben wurde. In der Mehrheit gefielen den Metzenseifnern weder die sich an Ungarn ausrichtende ZDP noch die von Henlein geleitete SdP, die mit Hitlers NSDAP paktierte.

Mitternachtsmesse beendet – oder nicht?

Dank der einfühlsamen Predigt des Pfarrers gelang es vielen Besuchern dieses Gottesdienstes, die eigenen Ungewissheiten und Zweifel für die Zukunft aus dem Gedächtnis zu verbannen und sich auf die Weihnachtsgeschichte um die Geburt von Jesus Christus zu konzentrieren. Vollends gelang dies, als zum Abschluss der Messe das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht” gesungen wurde. Alle sangen mit, die Stimmen des sonst den Ton angebenden Chores auf der Empore gingen im gemeinschaftlichen, freudigen Gesang der Gemeinde unter.

Nach dem Segen des Pfarrers blieben einige noch auf ihren Plätzen und beteten, andere verließen langsam die Kirche. Draußen fand man sich zu gegenseitigen Wünschen und Verabschiedungen zusammen. Die Predigt hatte allen viel Hoffnung und Kraft für die Zukunft gegeben, so war der Tenor dieser Gespräche. Als sich die Gruppen aufzulösen schienen und die Heimwege angetreten wurden, kam Kaplan Dr. Siebert mit schnellem Schritt aus der Kirche. Das war ungewöhnlich und alle blickten auf ihn. Der Kaplan sagte nichts, er zeigte nur hinauf auf den Kirchturm.

Gänsehaut

Alle folgten der Richtung, in die der Kaplan wies. Trotz der Dunkelheit war der Kirchturm in seinen Umrissen ganz gut zu erkennen, mehr aber auch nicht. Plötzlich ertönte ein Trompetenton, besser, eine Folge von klaren Tönen. Eine bekannte Melodie durchschnitt die Ruhe dieser Nacht. Das vor Weihnachten 1818 von Joseph Franz Xaver Gruber (zum 1816 geschriebenen Text von Joseph Mohr) komponierte Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht” ertönte vom Turm und schallte in die Stadt – als Trompetensolo des jungen Viktor Müller.

Kirchturm Metzenseifen
Von diesem Kirchturm ertönte das Weihnachtslied.

Viktor war dazu nach der Messe auf den Glockenturm gestiegen. Vom Kaplan hatte er zuvor das Einverständnis für sein musikalisches Vorhaben erhalten. Vor der Kirche blickte man sich voller Staunen und Freude gegenseitig an. Viele bekamen Gänsehaut, nicht von der Kälte, sondern von dem eindrucksvollen akustischen Ereignis, dem Trompetensolo.

Weihnachtslied
Die gebräuchliche Fassung des “Weihnachts-Liedes”

Nur wenige Wiederholungen

Viktor, der zum Weihnachtsfest vom weit entfernten Gymnasium zur Familie in den Heimatort gekommen war, wiederholte danach als Universitätsstudent noch einige Male seine Weihnachts-Trompetensoli auf dem Kirchturm. Der Zweite Weltkrieg setzte diesen leider ein Ende.

Dr. Heinz Schleusener

Diese Geschichte beruht auf einer mündlichen Mitteilung der Geschehnisse durch den verdienstvollen Josef Roob (1919-2011), Mitgründer des KDV.