Slovacia romana – oder die römische Slowakei
Die Slowakei war nie Zentrum der römischen Kultur in Europa, sondern eher Peripherie. Und doch finden sich auf dem Gebiet unserer Republik einige beachtenswerte Spuren, die von der Anwesenheit der Römer in Mittelosteuropa zeugen. Tauchen Sie in diesem kulturgeschichtlichen Streiflicht ein in die faszinierende Welt der römischen Antike.
Es war wohl die strategische Lage, die die Römer dazu veranlasste, auf dem Gebiet des heutigen Karlburg/Rusovce, einem Stadteil von Pressburg/Bratislava, das Kastell Gerulata zu errichten. Gerulata stellte die Verbindung zwischen den Legionärslagern in Carnuntum (bei Petronell bzw. Bad Deutsch-Altenburg in Österreich) und Brigetio (Komorn/Komárno) her und schützte den pannonischen Limes auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Vom 1. bis zum 4. Jahrhundert befanden sich römische Truppen im Lager, unter anderem die Elitereiter der Ala I Cannanefatium, die zu den Hilfstruppen („auxilia“) gehörten und sich aus dem germanischen Stamm der Cannanefater rekrutierten. Neben dem steinernen Lager entstand auch ein sogenannter „vicus“, eine zivile Siedlung.
Vom „burgus“ zum Bergl
In spätantiker Zeit, nach den Kriegen gegen die germanischen Markomannen und Quaden, begann der Niedergang des Lagers. Vom einstigen Kastell blieb nur noch eine kleine Befestigung, „burgus“ (woher auch unser deutsches Wort „Burg“ stammt) genannt, übrig. Im Zuge der sogenannten Völkerwanderung besiedelten Langobarden, Awaren und slawisch-ungarische Stämme das heutige Karlburg. Auf dem spätantiken „burgus“ entstand im Mittelalter eine sogenannte Motte, eine Kleinburg, erst aus Holz, später aus Stein. Die Burg verfiel und übrig blieb das „Bergl“ oder auf Ungarisch „Várdomb“ (Burghügel). Gerulata geriet in Vergessenheit, bis, vom Ende des 19. Jahrhunderts ausgehend, immer wieder archäologische Ausgrabungen durchgeführt wurden. Erste systematische Grabungen führte Ágoston Sőtér durch. Die Funde werden heute im Museum Gerulata, einer Zweigstelle des Stadtmuseums Pressburg präsentiert. Auch ein Teil der Mauer des Kastells und der „burgus“ wurden freigelegt und sind seit 2021 Teil der UNESCO-Weltkulturerbestätte Donaulimes.

Laugaricio und der Burgfelsen von Trentschin/Trenčín
Doch auch jenseits des Donaulimes, im „barbaricum“, den „barbarischen“ Gebieten errichteten die Römer Stützpunkte. Eine Inschrift auf dem Felsen der Burg von Trentschin/Trenčín zeugt bis jetzt von ihrer Anwesenheit auf dem Gebiet der heutigen Mittelslowakei. Die Inschrift wurde auf das Jahr 179 datiert. Die gesamte Inschrift ist nicht erhalten geblieben und so mussten sich die Altertumsforscher mit einer Rekonstruktion des Ursprungstextes begnügen.

| V I C T O R I A E A V G V S T O R V E X E R C I T v S C V I L A V G A R I C I O N E S E D I T S E D I T M I L L I I D C C C L V IAN SLEG LEGIIADCVRF | VICTORIAE AVGVSTORVM EXERCITVS QVI LAVGARICIONE SEDIT MILITES LEGIONIS II DCCCLV MARCVS VALERIVS MAXIMIANVS LEGATUS LEGIONIS II ADIUTRICIS CVRAVIT FACIENDUM |
Die Inschrift aus der Zeit des Kaisers Marcus Aurelius Antoninus (Marc Aurel) feiert den Sieg der Römer über die germanischen Quaden. In freier Übersetzung lautet der Text: „Gewidmet den siegreichen Kaisern von 855 Soldaten der 2. Legion des bei Laugaricio stationierten Heeres. Angefertigt auf Befehl von Marcus Valerius Maximianus, Legat der 2. Hilfslegion.“ Wer die Inschrift im Original betrachten möchte, kann dies von einem Gang im Hotel Elizabeth aus tun, wo sie hinter einer Fensterscheibe zu sehen ist.
Der Philosophenkaiser an der Gran
Dass sich auch der Kaiser Marc Aurel selbst in der Slowakei aufhielt ist bekannt. Das römische Reich wurde im zweiten Jahrhundert im Osten von den Parthern bedroht und auf dem Gebiet der heutigen Slowakei machten ihnen germanische Markomannen und Quaden das Leben schwer. Und auch die sarmatischen Jazygen hielten sich in der pannonischen Tiefebene auf und stellten eine Bedrohung für den Donaulimes dar. Einen Teil seines bekanntesten Werkes schrieb der Philosophenkaiser wohl im Feldlager auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Die „Selbstbetrachtungen“ tragen den altgriechischen Originaltitel „Τὰ εἰς ἑαυτόν“ (Ta eis heautón), was frei mit „Wege zu sich selbst“ übersetzt werden kann. Im ersten Buch der „Selbstbetrachtungen“ notiert Marc Aurel nach dem 17. hypómnema (dt. etwa „Erinnerungsnotiz“): „Geschrieben bei den Quaden am Granoua.“ Mit „Granoua“ ist nichts anderes gemeint, als der Fluss Gran (slow. Hron), der in der Niederen Tatra bei Thiergarten/Telgárt entspringt, die ganze Mittelslowakei durchzieht, und schließlich bei Gockern/Štúrovo in die Donau mündet.
Beachtlich ist die Erwähnung des Flusses, weil der einzige weitere Ortsname, den der Kaiser namentlich anführt, das oben bereits erwähnte Carnuntum im heutigen Österreich ist. Somit darf man in der Slowakei mit Fug und Recht stolz darauf sein, dass einer der bedeutendsten Vertreter der jüngeren Stoa einige seiner philosophischen Meditationen, die mitunter zur Weltliteratur gezählt werden, am schönen Fluss Gran festhielt. An den Idealen, die Marc Aurel verkörperte, wie etwa Mäßigung, Gleichmut, Selbstbeherrschung und Verantwortung dürfen sich Politikerinnen und Politiker heute getrost weiterhin orientieren. Es würde der politischen Kultur nicht schaden.

Auch im Süden siedelten die Römer
Neben dem Auxiliar-Kastell von Gerulata befindet sich eine weitere bedeutende Ausgrabungsstätte aus römischer Zeit auf dem Gebiet der Slowakei. Das Kastell Celamantia bei Iža (ung. Izsa) befand sich östlich von Komorn/Komárno auf slowakischer Seite. Die von den Einheimischen als Leányvár (Mädchenburg) bezeichnete Fundstätte stellte in der Antike einen wichtigen Brückenkopf auf quadischem Siedlungsgebiet dar. Es diente zum Schutz des Legionskastells Brigetio, das sich in antiker Zeit südöstlich vom Komárom im heutigen Stadtteil Szőny in Ungarn befand. In der Übergangszeit vom vierten zum fünften Jahrhundert wurde Celamantia, wie auch Gerulata und ein großer Teil des Donaulimes, von den Römern aufgegeben. Anders als Gerulata wurde Celamantia jedoch in späterer Zeit nie gänzlich überbaut und man kann heute noch die Dimensionen des Lagers gut nachvollziehen.
Wer einmal richtig in die Welt der Römer eintauchen möchte, dem sei der Limes Day im Sommer empfohlen und im Herbst die Römischen Tage (Rímske dny) in Karlburg. Auch bei einem Besuch der Europäischen Kulturhauptstadt Trentschin 2026 sollten Sie einen Blick auf die römische Inschrift wagen. Dann wird unser gemeinsames römisches Kulturerbe erfahrbar – für groß und klein.
Yannick Baumann
