Die Zipser in Amerika – Brücken über den Atlantik
Im späten 19. Jahrhundert verließen viele Zipser ihre Heimat in der heutigen Slowakei. Der Niedergang des Bergbaus, wirtschaftliche Not und politische Umbrüche führten dazu, dass zahlreiche Familien den Schritt in die Neue Welt wagten. In Städten wie Pittsburgh, Cleveland und Danbury fanden sie Arbeit in Kohleminen, Fabriken und Werkstätten. Die Bedingungen waren hart, doch die Zipser bewiesen Durchhaltevermögen und Gemeinschaftssinn. Sie gründeten Kirchen, Vereine und kulturelle Gruppen, die ihre Identität und Sprache bewahrten.
Eine besondere Rolle spielte die „Karpathen-Post“, die als Bindeglied zwischen alter und neuer Heimat fungierte. Sie berichtete über Ereignisse in der Zips, druckte Briefe aus Amerika ab und half den Auswanderern, die Verbindung zu ihren Wurzeln zu bewahren. Für viele war sie ein vertrauter Anker in einer fremden Welt.

Quelle: difmoe.eu


Quelle: difmoe.eu
Der Zipser Verein in Amerika
1920 gründete Gustav Adolf Weiß den „Zipser Bund of America“. Zwischen 1921 und 1930 sammelte der Verein fast eine Million tschechoslowakische Kronen für notleidende Landsleute. Diese Mittel ermöglichten die Gründung oder Rettung deutscher Schulen in Göllnitz/Gelnica, Stoß/Štós, Smolník/Schmöllnitz, Medzev/Metzenseifen und Menhardsdorf/Vrbov. Auch Volksbibliotheken entstanden, jede mit rund 50 Büchern ausgestattet.
Der Verein übernahm Schulgebühren für Kinder und Jugendliche, unterstützte sie beim Besuch von Mittel- und Hochschulen und half über hundert Zipsern beim Studium. Ebenso erhielten soziale Einrichtungen wie das Krankenhaus „Tatra“ in Deutschendorf/Poprad und das Waisenhaus „Gustav Hermann“ in Leutschau/Levoča Unterstützung.
Moralische Stütze in Krisenzeiten
Noch wertvoller als die finanzielle Hilfe war das Bewusstsein, nicht allein zu sein. Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Slowakei schwer, doch die Gewissheit, dass es in Übersee eine starke Gemeinschaft gab, war ein moralischer Halt für die Menschen in den Bergen und Tälern unserer Zips.
1921 fand in Amerika das erste Zipser Volksfest statt – ein Ausdruck der Identität und Verbundenheit, der ein Jahrzehnt lang jährlich gefeiert wurde. Zwischen 1921 und 1928 gaben die Zipser in Amerika zudem ihre eigene Zeitung heraus: „Der Zipser in Amerika“.
Die große Delegationsreise von 1929
Ein Höhepunkt der transatlantischen Beziehungen war die Reise einer 120-köpfigen Delegation des Zipser Bundes im Jahr 1929. Die Gruppe reiste von New York nach Bremen, weiter nach Berlin, wo sie vom ehemaligen Reichskanzler Dr. Hans Luther empfangen wurde, und besuchte anschließend Leipzig, Dresden, Prag und schließlich die Zips.
Dort nahmen sie an den großen Zipser Volksfesten (Spišské slávnosti) teil, die im Sommer 1929 stattfanden. Das Programm umfasste Besichtigungen in der Oberen und Unteren Zips, Schützenfeste in Kesmark/Kežmarok und Zipser Bela/Spišská Belá, das Zipser Gesangsfest sowie historische Festzüge mit 36 Delegationen in traditionellen Trachten. Diese stellten Persönlichkeiten wie Imrich Thököly, König Béla IV., die Rákóczi, Hussiten, Tataren und andere dar. Auch die Bergbaugilden aus Schwedler/Švedlár und Göllnitz/Gelnica nahmen teil. Die Feierlichkeiten waren symbolisch mit dem amerikanischen Unabhängigkeitstag verbunden.
Ein Symbol der Erinnerung
Ein besonderes Erinnerungsstück ist die Fahne des Zipser Bundes, die 1962 von William Dirr aus Zipser Bela nach Europa gebracht wurde. Nach dem Tod seiner Mutter gelangte sie in das Museum der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Karlsruhe-Durlach. Archivmaterial des Bundes – Gedichte, Dokumente und Vereinsunterlagen – ist über die Deutsche Digitale Bibliothek zugänglich.
1979 wurde in Connecticut die Karpatendeutsche Landsmannschaft Inc. gegründet. Initiatoren waren Pfarrer Zoltan Antony (Göllnitz) und Geza Schwartz (Forberg). Die treibende Kraft war der Jurist Albert Fakundiny aus Bösing/Pezinok, der die offizielle Registrierung übernahm und zum Landesvorsitzenden gewählt wurde. Unter seiner Leitung wurden Treffen organisiert, Zeitzeugenberichte gesammelt und Kontakte zur Landsmannschaft in Deutschland gepflegt. Mit den Jahren nahm die Aktivität ab, doch das Vermächtnis lebt in Erinnerungen und persönlichen Geschichten weiter.

Quelle: difmoe.eu
Digitale Spuren und neue Begegnungen
Auch wenn es heute keine zentrale Webseite der Zipser Amerikaner gibt, bleiben wertvolle digitale Quellen erhalten: die Karpatendeutsche Landsmannschaft Deutschland, das Karpatenblatt, das Museum der Kultur der Karpatendeutschen in Pressburg/Bratislava sowie das Museum der Zips in Zipser Neudorf/Spišská Nová Ves, das mit Publikationen wie „Geschichte der Deutschen in der Zips“ die regionale Geschichte dokumentiert.
Die Geschichte der Zipser in Amerika ist weit mehr als ein Kapitel der Vergangenheit. Sie ist ein lebendiges Zeugnis von Zusammenhalt, Identität und einer Treue zur Heimat, die selbst Ozeane nicht zu trennen vermochten.
Heute entdecken die Nachfahren der Zipser in Übersee ihre Wurzeln neu. Sie knüpfen Verbindungen zur alten Heimat – getragen von Erinnerungen und vom Bewusstsein eines gemeinsamen Erbes. Unser Verein und das Karpatenblatt begleiten diesen Weg und tragen dazu bei, dass diese Verbundenheit erhalten bleibt und ihren festen Platz im historischen Gedächtnis unserer Gemeinschaft behält.
Oswald Lipták
