Bauingenieur und Maler Wilhelm Gedeon (1922–2014)

Berühmte Zipser: Bauingenieur und Maler Wilhelm Gedeon

Engagiert auf vielen Gebieten und ohne Ruhepause – das beschreibt den am 21. Mai 1922 als Sohn des Hammerschmieds Gottfried Georg Gedeon und dessen Ehefrau Maria Gedeon in Unter-Metzenseifen/Nižný Medzev geborenen Wilhelm Gedeon. Das gilt für seinen Beruf als Bauingenieur, der sich für effektives und energieökonomisches Bauen einsetzte, ebenso wie für seine Fähigkeiten als Künstler und Autor sowie für sein langjähriges, erfolgreiches Wirken für den Karpatendeutschen Verein in der Slowakei.

Über die Vertreibung der Metzenseifner Deutschen durch die Rote Armee konnte er für seine Familie eine ganz besondere Geschichte erzählen. Wie bei den anderen Deutschen im Ort erschienen russische Soldaten im Haus. Alle müssten das Haus innerhalb von zwei Stunden verlassen und sich auf dem Schulhof einfinden. Sie würden mit einem Transport aus dem Ort gebracht, als Reisegepäck seien maximal 20 Kilogramm erlaubt.

Nach zwei Stunden kamen die Soldaten wieder. In der kurzen Zeit war es nur möglich gewesen, einige Dinge auf einen alten Handwagen zu packen. Mit diesem zog die Familie unter Bewachung zum Schulhof. Etwa 25 Familien warteten dort auf ein ungewisses Schicksal. Wilhelms 85-jährige Großmutter war zwar schwach, schaffte es jedoch, einen den Transport überwachenden Arzt von ihrer Reiseunfähigkeit zu überzeugen. Dieser bestätigte ihren schlechten Zustand und die Familie konnte mit dem Wägelchen zurück in ihr Haus. Die Drohung, man würde nach einiger Zeit wiederkommen und alle mit einem weiteren Transport wegbringen, blieb. Es dauerte lange, bis die Familie sicher war, ihre Heimat nicht zu verlieren.

Ausbildung in Kesmark und Kaschau

Wilhelm Gedeon studierte bis 1942 am evangelischen Lyzeum in Kesmark/Kežmarok. Sein erstes Geld verdiente er als Arbeiter in Baubetrieben. Nach dem Ende der Kriegswirren sah er die Zukunft des Bauwesens im Land und wurde Student an der Bautechnischen Fakultät in Kaschau/Košice.

Bereits hier kamen sein am Gymnasium von den Mitschülern bestauntes Zeichentalent und seine kreativen künstlerischen Ideen zur Geltung. Nach dem erfolgreichen Abschluss war er in den Bereichen Architektur, Statik und Bauphysik tätig. In jeder freien Minute ging er seinen künstlerischen Neigungen nach und malte. Auch die Technik des Holzschnitts beherrschte er perfekt; seine Motive bezogen sich vorrangig auf die Natur seiner Heimatstadt und das dortige Handwerk.

Verbunden mit Tradition und Kultur

Dabei verarbeitete Wilhelm Gedeon nicht nur das, was er als Kind und später in und um Metzenseifen vorfand. Auch deren Geschichte und die der Deutschen in der Region interessierten ihn und lieferten Anregungen für sein künstlerisches Schaffen. Er bemühte sich um den Erhalt von Kultur und Tradition seiner Vorfahren. Vor allem die deutsche Sprache und deren mantakische Mundart, die im und um den Ort gesprochen wird, lagen ihm am Herzen.

Bis zur politischen Wende 1989/90 wurden seine Bemühungen, die er gemeinsam mit anderen Karpatendeutschen unternahm, stark erschwert. Die folgenden politischen Veränderungen ermöglichten es, die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei und später in der Slowakei als gleichberechtigte Bevölkerungsgruppe anerkennen zu lassen.

Mitgründer des Karpatendeutschen Vereins

Wilhelm Gedeon gehörte wie die Metzenseifner Matej Schmögner, Walter Bistika, Josef Quallich, Gabriel Wirawec und Josef Roob dem Vorbereitungskomitee an, das Anfang August 1990 die Gründung eines Vereins der deutschsprachigen Minderheit beim Innenministerium der Tschechoslowakei beantragte. Bereits am 30. September fand die Gründungsversammlung des Karpatendeutschen Vereins (KDV) in seiner Geburtsstadt Metzenseifen statt. Dort bekannten sich bald darauf 675 Bürger zur deutschen Nationalität. Im März 1991 übernahm Wilhelm Gedeon den Vorsitz des KDVs.

Im selben Jahr initiierte er das Einrichten eines „Hauses der Begegnung“ in Metzenseifen. Dieser Ort wurde auf seinen Antrag hin zum Verwaltungssitz der Region Bodvatal des KDVs. Auch die Finanzierung einer deutschsprachigen Zeitschrift unter dem Dach des Karpatenvereins konnte er noch im Jahr 1991 sichern.

Er war in diesen von vielen Veränderungen geprägten Zeiten mit seinen Ideen, seinem organisatorischen Talent und seinen kommunikativen Fähigkeiten der richtige Mann in dieser Position und ging ohne Zögern an die vielen zu lösenden Aufgaben heran. An deren Spitze stand das Konzept für den Deutschunterricht. Hier beriet sich Wilhelm Gedeon mit den Deutschlehrern der gesamten Zips. In der Grundschule Metzenseifen begann der Deutschunterricht ab der 1. Klasse im September 1991.

Seine nächste Aufgabe sah Wilhelm Gedeon im Einrichten eines Kabelnetzes für den Empfang deutschsprachiger Programme in Metzenseifen. Mit seinen in der Bauwirtschaft gewonnenen Erfahrungen ging er dieses Vorhaben an. Es ging dabei nicht nur um die nachrichtentechnische Seite, bestehend aus Satellitenempfangsstation, Verteilern und Verstärkern; es mussten auch der Verlauf der Kanäle für die Erdkabel bestimmt und die Ausschachtungen unter Beachtung bereits vorhandener Leitungen vorgenommen werden.

Ein schwieriger Punkt war die Finanzierung. Dazu gab es viele Gespräche zwischen Vertretern des KDVs und deutschen Politikern. Im Ergebnis wurden die Kosten der Einrichtung des Kabelnetzes von der Bundesrepublik Deutschland übernommen. Für die Nutzung des Netzes zahlten die Nutzer der 500 Anschlussstellen eine Gebühr.

Eine Stiftung der Karpatendeutschen

Die politischen Veränderungen hatten auch für die Wirtschaft Konsequenzen. Bislang staatlich gestützte Betriebe wie etwa Strojsmalt in Metzenseifen und Sandrik in Stoß fanden für ihre Produkte immer weniger Abnehmer. Neue Unternehmen hatten es schwer, die von den Banken geforderten hohen Kredite zu bedienen.

Um diesen Firmengründern, insbesondere Karpatendeutschen, den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern, vereinbarte Wilhelm Gedeon mit den Regionsvorsitzenden des KDVs die Einrichtung einer Stiftung. Damit war die Karpatendeutsche Stiftung, die spätere Karpatendeutsche Assoziation (KDA), geboren. Sie hat inzwischen hunderten Unternehmen den Weg in eine stabile Existenz geebnet.

Bauingenieur und Maler Wilhelm Gedeon (1922–2014)
Wilhelm Gedeon legte auch im Karpatenblatt (hier Heft 12/2000) Rechenschaft über die Arbeit der KDA ab.

Für Wilhelm Gedeon gehörte die Kontrolle eingeleiteter Maßnahmen zu den Grundaufgaben eines guten Leiters. So erkannte er große Mängel im voller Hoffnung begonnenen Deutschunterricht in den Grundschulen. Es fehlte an Lehrmaterial und Lehrern. Mit Isidor Lasslob, dem Bundesvorsitzenden der in Stuttgart beheimateten Karpatendeutschen Landsmannschaft Slowakei, und dessen späterem Nachfolger, dem aus Forberg/Stráne pod Tatrami stammenden Oskar Marczy, legte er dem slowakischen Minister Dušan Slobodník einen Schulentwicklungsplan vor. Ergebnisse waren unter anderen das Bereitstellen von Lehrkräften aus Deutschland und finanzielle Mittel zur besseren Ausstattung des Deutschunterrichts.

Unverkennbarer Schreibstil

Er kümmerte sich auch um internationale Kontakte und berichtete regelmäßig über die Aktivitäten der Karpatendeutschen im Karpatenblatt. Seine Art zu berichten ist schwer zu übertreffen; sein perfektes Deutsch und sein unterhaltsamer Schreibstil dokumentieren auch den großartigen Unterricht am Kesmarker Gymnasium.

Sein letztes großes Werk war das Erstellen der 2013 erschienenen sogenannten Metzenseifner Chronik, eines Heimatbuches, gemeinsam mit dem Ortschronisten Walter Bistika unter Einbeziehung weiterer Autoren. Das Buch mit dem deutschen Titel „Medzev – Die Änderungen der Stadt seit der Gründung bis heute“ erschien in vier Sprachen (slowakisch, deutsch, englisch und polnisch) und gibt einen umfassenden Überblick über Geschichte und Kultur der Stadt.

Auch als Künstler großartig

Seine Fähigkeiten als bildender Künstler bewies er mit unterschiedlichen Techniken – mit Kohle- und Pastellstift, mit Wasser- und Ölfarben sowie im Linolschnitt. Teile seiner Werke waren in Ausstellungen Kaschauer Künstler zu sehen, die meisten befinden sich jedoch bei Verwandten und Freunden in Privatbesitz.

Glückwunschkarten zu Feiertagen fertigte er selbst an, oft mit persönlichem Bezug zum Empfänger. Noch in seinen letzten Lebensjahren war er künstlerisch aktiv. Wilhelm Gedeon starb kurz vor seinem 92. Geburtstag, am 4. Mai 2014, mitten bei der Arbeit für den Karpatendeutschen Verein.

Erbe in guten Händen

Der vor kurzem verstorbene Ehrenvorsitzende und damalige Vorsitzende des KDVs, Dr. Ondrej Pöss, schrieb 2014 gemeinsam mit Walter Bistika (1929–2019) im Nachruf die treffenden Sätze: „Willy Gedeon war unbestritten eine der ausdrucksvollsten karpatendeutschen Persönlichkeiten. Eine seiner größten Eigenschaften war es, Menschen zusammenzuführen und zu begeistern.“

Diese Aufgabe war und ist für die ihm folgenden Verantwortlichen des KDVs und der KDA Verpflichtung. Für die KDA sollen hier der 16 Jahre lang (2004–2020) tätige Johann König sowie Peter Sorger, der 2020 die Leitung übernahm, genannt werden. Insgesamt mehr als 17 Jahre leitete Dr. Ondrej Pöss den KDV. Dessen erfolgreiche Arbeit wird von dem im März 2026 gewählten Nachfolger Mgr. Patrik Lompart, PhD. aus Hopgarten/Chmeľnica im Sinne seiner Vorgänger weitergeführt.

Dr. Heinz Schleusener