Das Leben ist kein Wettbewerb im Aushalten
Auf den ersten Blick wirkt alles leicht. Das Lächeln sitzt, die Stimme bleibt ruhig, der Blick aufmerksam beim Gegenüber. Nichts verrät, wie viel innere Arbeit nötig war, um hier anzukommen.
Sandra Rusnáková ist 22 Jahre alt und studiert Pädagogik an der Universität in Tyrnau/Trnava. Lange war ihr Weg von Erwartungen bestimmt – von Leistungsdruck und der leisen Überzeugung, dass Durchhalten Stärke bedeutet. Erst mit der Zeit kam eine andere Erkenntnis: dass Grenzen keine Schwäche sind. Dass Pausen kein Versagen markieren. Und dass Resilienz nicht dort wächst, wo man alles aushält, sondern dort, wo man lernt, sich selbst mit Aufmerksamkeit und Freundlichkeit zu begegnen.
Im Gespräch mit Sandra Rusnáková erfahren Sie:
- warum der Satz „Reiß dich zusammen“ oft mehr verletzt als hilft,
- wie Leistungsdruck bereits früh Spuren hinterlassen kann,
- weshalb Pausen manchmal der mutigste Schritt sind
- und welche Rolle Reisen in ihrem persönlichen Heilungsprozess spielten.
Menschen, die mit Depressionen oder Angstzuständen kämpfen, hören oft den Satz: „Reiß dich zusammen.“ Warum richtet dieser Satz mehr Schaden als Nutzen an?
Weil er eine Wahl unterstellt, wo es keine gibt. Depression ist nichts, was man ein- oder ausschaltet. Man wacht nicht morgens auf und entscheidet sich bewusst dafür, depressiv zu sein. Wenn man mitten drinsteckt, würde man alles andere dieser Last vorziehen – der Schwere, der Traurigkeit, der Erschöpfung.
Ältere Generationen sagen oft, sie hätten keine Zeit für Depressionen gehabt. Bedeutet das, dass wir schwächer sind als sie?
Ich glaube nicht, dass wir schwächer sind – sondern dass wir heute anders mit solchen Erfahrungen umgehen. Diese inneren Kämpfe gab es schon immer, sie wurden jedoch oft nicht benannt oder offen geteilt. Heute sprechen wir mehr darüber und das kann ungewohnt wirken. Vielleicht auch deshalb, weil es sich im Rückblick so anfühlt, als hätten frühere Generationen vieles allein bewältigen müssen. Doch es geht nicht darum, Erfahrungen gegeneinander aufzuwiegen. Das Leben ist kein Wettbewerb im Aushalten. Und wir Menschen waren nie dafür gemacht, alles allein zu tragen.



Wenn du zurückblickst – wo begann dein eigener Kampf eigentlich?
In der Schule. Ich war schon immer leistungsorientiert. Ich habe mich weit über meine Grenzen hinaus gepusht, lange bevor ich überhaupt wusste, dass es Grenzen gibt. An meinem Gymnasium war ich von Menschen umgeben, die scheinbar mühelos brillant waren. Ich musste dreimal so hart arbeiten, um mitzuhalten. Ich habe mir ständig gesagt, dass alles in Ordnung ist. Aber das war es nicht.
Erinnerst du dich an den ersten Moment, in dem dein Körper ganz klar „genug“ gesagt hat?
Sehr deutlich. Wir saßen im Biologieunterricht, ohnehin schon überfordert von Klausuren und Tests, als plötzlich verlangt wurde, sofort Laborprotokolle abzugeben – sonst durchgefallen. Wir hatten sie nicht. In mir ist etwas gerissen. Mein Blick verschwamm, mein Körper erstarrte, ich konnte mich nicht bewegen, nicht sprechen. Als es klingelte, bin ich auf die Toilette gerannt und zusammengebrochen. Ich habe so stark gezittert, dass ich kaum atmen konnte. Das war meine erste Panikattacke.
Hat dein Umfeld damals erkannt, was mit dir passiert ist?
Einige Lehrer schon und dafür bin ich sehr dankbar. Sie haben mich in ihre Büros geholt und mit mir gesprochen. Aber das System hat sich nicht angepasst. Der Druck blieb. Und zu Hause verstand meine Familie nicht, warum mich die Schule so zerstört hat. Außerhalb des Lernens habe ich nicht mehr funktioniert. Das führte zu Konflikten, Isolation und Scham.
Du hast auch eine psychische Krise einer Mitschülerin miterlebt. Wie hat dich das geprägt?
Es hat mir große Angst gemacht. Eine Mitschülerin schrieb uns nach einer Klausur eine Abschiedsnachricht. Wir sind sofort zu ihr nach Hause gefahren und fanden sie völlig aufgelöst – zitternd, weinend, mit ihrem kleinen Bruder neben ihr, ohne Eltern im Haus. Dieser Moment hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich habe gesehen, was dieser Druck anrichten kann. Es war nicht mehr abstrakt. Es war real – und gefährlich.


Und trotzdem hast du weitergemacht?
Bis mein Körper mich vollständig gestoppt hat. In meinem letzten Schuljahr wurden Panikattacken zur Routine. Ich rannte aus Klassenräumen, brach auf Toiletten zusammen, stand während des Unterrichts neben mir. Ich fehlte über hundert Stunden. Schließlich suchte ich eine Psychiaterin auf und bekam Medikamente – zum Beruhigen, zum Schlafen. Es half ein wenig, doch eine Woche vor dem schriftlichen Abitur bin ich erneut zusammengebrochen. Ein Krankenwagen brachte mich ins Krankenhaus.
Ich erinnere mich an meine Eltern, die geweint haben. Meine Mutter wusste nicht, was sie sagen sollte, mein Vater wiederholte immer wieder: „Sandra, du hast doch alles.“ Und ich wusste, dass das stimmte. Trotzdem konnte ich nicht mehr. Ich verbrachte eine Woche im Krankenhaus. Und irgendwie habe ich die Prüfungen dennoch bestanden. Mit sehr guten Noten. Wahrscheinlich hat der Überlebensmodus übernommen.
Du hast dich nach dem Abitur entschieden, vor dem Studium zwei Jahre Pause zu machen. Hat das geholfen?
Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie brachte mir Raum, aber auch neue Herausforderungen. Nach dem Gymnasium hatte ich plötzlich das Bedürfnis, alles nachholen zu müssen, das Leben intensiv zu spüren, nichts auszulassen. Dabei habe ich mir erneut zu viel aufgeladen. Es folgte eine Phase, in der ich merkte, dass ich wieder an meine Grenzen komme. Schließlich war ich für einen Monat in psychiatrischer Behandlung. Aber dann wurde meine Behandlung umgestellt. Ich bekam die Medikamente, die ich bis heute nehme. Und ab da begann sich alles langsam zu stabilisieren.
Und dann kam die Liebe ins Spiel.
(lacht) Ja. Ich habe jemanden kennengelernt, wir sind bis heute zusammen. Das hat mich geerdet. Plötzlich hatte ich Halt. Ich habe gesehen, dass mich jemand trotz allem wirklich ernst nimmt. Das hat mehr geholfen, als ich erklären kann.


Wann wurde das Reisen Teil deines Heilungsprozesses?
Fast sofort. Reisen hat mir Distanz gegeben – zu Erwartungen, zu Labels, zu dem, was ich angeblich sein sollte. Es erlaubte mir, auf eine gesunde Weise zu verschwinden. Ich bin viel durch Europa gereist: Italien, Spanien, die Niederlande, Portugal, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Schweden. Außerdem war ich in Jordanien – mein erster wirklicher Einblick in Asien. Und vor wenigen Wochen schließlich in Sri Lanka.
Du hast auf Instagram geschrieben, dass Sri Lanka dich verändert hat. Warum gerade diese Reise?
Weil sie etwas in mir aufgebrochen hat. Es war eine zehntägige Gruppenreise mit völlig Fremden. Ich kannte niemanden. Und plötzlich war ich nicht mehr „Sandra mit Pflichten und Verantwortung“. Ich war einfach ich – lachend, tanzend am Strand, nachts in tiefen Gesprächen mit Menschen, die ich erst seit ein paar Tagen kannte.
Was hat dir Sri Lanka gezeigt, was Europa dir nicht geben konnte?
Perspektive. Enorme Schönheit und extreme Armut nebeneinander. Menschen, die fast nichts besitzen, aber Würde und Wärme ausstrahlen. Mir wurde bewusst, wie privilegiert wir sind – sauberes Wasser, Sicherheit, Stabilität. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie fragil alles ist. Wir waren dort während Überschwemmungen und Zyklonen. Städte wurden kurz nach unserer Abreise geschlossen, Flüge gestrichen. Wir sind Katastrophen um Tage entgangen. Es fühlte sich wie ein Wunder an.



Hat dieses Gefühl von Unsicherheit dein Erleben der Reise verändert?
Komplett. Alles wurde intensiver. Jeder Sonnenuntergang fühlte sich verdient an. Jedes Lachen klang lauter. Wir sagten ständig zueinander: „Wir erleben gerade ein Wunder.“ Und zum ersten Mal seit Jahren habe ich das geglaubt. Ich fühlte mich lebendig – ohne Angst. Ich spürte, dass die Welt groß und großzügig ist. Und dass mein Schmerz mich nicht definiert.
Wenn ich dich heute fragen würde, wie es dir geht – wäre die Antwort ehrlich positiv?
Ja. Das wäre sie. Ich studiere im zweiten Jahr Pädagogik, lebe ein anderes Leben. Ich engagiere mich beim Erasmus Student Network als Event Coordinator, organisiere Veranstaltungen, baue Gemeinschaft auf. Ich bin umgeben von großartigen Menschen. Ich bin wieder beschäftigt – aber auf eine Weise, die mich nährt, nicht zerstört. Ich bin geerdet. Ich studiere, arbeite, engagiere mich ehrenamtlich, reise, wenn ich kann. Ich lebe.
Wenn du unseren Lesern einen Gedanken mitgeben könntest – welcher wäre das?
Dass menschliche Verbundenheit tragen kann. Dass Schmerz Menschen braucht, die zuhören. Und dass Freude erst dann wirklich wächst, wenn man sie teilt.
Zum Abschluss noch eine leichtere Frage: Pumpkin Spice Latte – ja oder nein?
Eher nein. Ich verstehe den Hype, wirklich. Aber für mich ist er einfach zu süß.
Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.
