Waldweihnachten
Zum zweiten Weihnachtsfeiertag präsentieren wir ein Gedicht des Zipser Heimatdichters Friedrich Lam aus dem Gedichtband „Unvergessene Heimat – Gedichte aus dem Nachlass“ (Stuttgart, 1966).
Waldweihnachten
Es schläft der Wald, der alte, im weichen Pelz vom Schnee, Am Tannenbäumchen knabbert Naschhaft ein junges Reh. “Verschonst du meine Sprösslein”, Rauscht mild der kleine Baum, “Erzähl ich dir, mein Rehlein, Was jüngst ich sah im Traum.” Das Tierchen spitzt die Ohren, Hält mit dem Knuspern ein, Verwundert lauscht sein Köpfchen Des Bäumchens Plauderein: “Es kommt ein Mann, ein böser, Mit einem Blitzebeil, ‘Welch schönes Tännlein!’ ruft er, Sein Auge funkelt geil. Mit scharfen Silberschlägen Durchdringt mich Todesweh. Er schleift auf seinem Schlitten Mich durch den öden Schnee. Ich steh in einer Stube Mit Zuckerwerk geschmückt, Um meine Nüsse tanzen Die Kleinen lustverzückt. Um meinen Harzduft singend Ihr Reigen fromm sich dreht, Ich trag auf Kerzenflammen Zu Gott ihr rein Gebet. Da freut ich mich im Tode, Gestorben war ich gern, Ich durft den Kindern künden Das Weihnachtsfest des Herrn! Verschon drum meine Zweige, Im Tod will schön ich sein!” Andächtig schaut das Rehlein Und blickt ergriffen drein. Da hallen Menschentritte. Und flugs enteilt das Reh, Es hört ein stählern Krachen Und dumpfen Fall im Schnee.

