Denk-Mal – Wo stehe ich?

Mit Kindern im Geiste Bonhoeffers eine Kultur des Erinnerns pflegen

Der zu Herzen gehende und tief bewegende Beitrag von Erika König im Onlineportal der Karpatenblattes vom 27. April 2026 „Gedenkfeier zum 120. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer“ motiviert mich, daran zu erinnern, wie Erzieher mit ihren Kindern an diesen Zeugen des Glaubens durch ihr Handeln erinnern, der 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde.

Denk-Mal – Wo stehe ich?
Denk-Mal – Wo stehe ich?

Das Denkmal entstand im Rahmen des Projekts „Begegnungen mit dem Nationalsozialismus“ der Klassen 8/9 des Förderzentrums für Körperbehinderte, Wichernhaus Altdorf (bei Nürnberg), das 2012 mein Schüler Ullrich Reuter mit Kindern initiierte.

Junge Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung aus dem Wichernhaus Altdorf der Rummelsberger Diakonie, ihre Begleiter in Schule und Heim und externe Experten setzten sich in einem längeren fächerübergreifenden Projekt intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinander.

Auch am konkreten Ort in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg konnten die jungen Menschen über die NS-Verbrechen nachdenken. An Einzelschicksalen erlebten sie, was damals wirklich geschah. Sie tauchten tief in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ein. Jeder fand in langen und schwierigen Gesprächen und Diskussionen seine eigene Position zu Fragen nach Schuld, Verantwortung und Gewissen. In Gesprächen mit dem Bildhauer, der das Projekt begleitete, wurde deutlich, dass sie als ein Ergebnis kein historisches Erinnerungsmal schaffen wollten. Sie hatten mit „Sehnsucht im Herzen“ den konkreten Wunsch ein „Denk-Mal“ zu schaffen, das für die Gegenwart und Zukunft eine gestaltbildende Bedeutung haben kann. Das brachte sie, ihre Begleiter, auf den Gedanken, die erarbeitete Aussage „Mensch ist Mensch und Befehl ist Befehl“ in zwei Steine aus Flossenbürger Granit zu meißeln; dazwischen sollten Metallplatten mit zwei Fußabdrücken liegen und dem von „uns allen“ eingeritzten Text „Wo stehe ich?“Die Grundfrage, der sich jeder Einzelne in den verschiedensten Gewaltsituationen stellen muss.

Die Projektteilnehmer haben gelernt, dass es keine vorgefertigten Antworten gibt. Sie stellen vielmehr Fragen und inspirieren zum schöpferischen Tun. Darauf macht der Jahrhundertkünstler Joseph Beuys aufmerksam. Für Beuys „ist jeder Mensch ein Künstler“; in ihm liegt die Möglichkeit zum Künstlerischen im Umgang mit den eigenen Gedanken. Menschsein und Künstlersein erscheinen hier gleich ursprünglich. Und gerade die jungen Menschen haben gelernt, dass künstlerisches Schaffen geistige (spirituelle) Arbeit ist, die auch in Krisen führen, recht anstrengend und aufreibend sein kann.

Die jungen Menschen und die Begleiter waren an dem oft schwierigen Diskussionsprozess, der wiederholt zu scheitern drohte, um Achtung des Anderen bemüht. Diese Erfahrung, trotz Frustrationen und Enttäuschungen das gegenseitige Vertrauen zu pflegen und am Ende sich mit dem gemeinsam Erreichten identifizieren zu können, ist das Ergebnis eines wechselseitigen Lernprozesses, bei dem immer wieder Antworten auf Fragen gesucht wurden: War es die richtige Frage? Welche Antwort habe ich gefunden? Welche Antworten haben wir gefunden? Was konnte ich an mir beobachten? Was konnten wir an uns beobachten? Haben wir uns gegenseitig darauf aufmerksam gemacht? Bei diesen Fragen erziehen nicht nur die Erzieher die jungen Menschen, sondern die jungen Menschen erziehen auch ihre Erzieher. Erst dadurch, dass sich jeder der offenen Situation mit der Möglichkeit des Scheiterns bewusst stellte, gewann er Hoffnung, Zuversicht und neue Perspektiven.

Fazit

Der Wunsch der jungen Menschen mit Behinderung, ein „Denk-Mal“ zu schaffen, das für die Gegenwart und Zukunft eine gestaltbildende Bedeutung hat, kann als konkrete Utopie verstanden werden, die der deutsche Philosoph Ernst Bloch, der in der NS-Zeit im Exil lebte, in seinem Werk „Prinzip Hoffnung“ begründet hat. Sein Grundsatz der Hoffnung wird meist dann zitiert, wenn ausgedrückt werden soll, dass man in einer bestimmten Situation nichts mehr tun kann, als nur noch zu hoffen. Das steht allerdings ganz im Gegensatz zu Bloch, der seine Hoffnung nicht als Warten auf einen zufälligen glücklichen Ausgang oder eine günstige Wendung verstand, sondern als bewusstes Einwirken auf die Entwicklung von Natur, Mensch und Gesellschaft. Das erinnert an den kranken jüdischen Dichter Jakob von Hoddis, der vor der Deportation ins Vernichtungslager in das Album der Tochter seiner Pflegefamilie schrieb: „Wirf deinen Anker nicht nach der Tiefe des Erdenschlammes, sondern nach der Höhe des Himmelblaues, und dein Schifflein wird glücklich landen im Sturm.“

Junge Menschen und Erwachsene nehmen die Wirklichkeit so wahr, wie sie ist, und weisen auf einen Möglichkeitssinn hin. Ihre Hoffnung, die Welt zum Guten zu wandeln, ist groß, auch wenn in ihr das Unerreichbare existiert. In dieser Hoffnung, die als Realvision verstanden werden kann, erkenne ich eine über den Menschen hinausreichende Kraft: Die geistige oder spirituelle Kraft der Hoffnung.

Prof. Dr. Ferdinand Klein