Der Beschleunigung und Eile die Stirn bieten
In einer Welt, in der alles rund um die Uhr vom Computer gemacht werden kann, können nahezu alle Lebensvorgänge weiter beschleunigt werden, der Mensch verliert seine kreative Kraft und kann durch Informationsgier ratlos werden. Die Beschleunigung scheint keine Grenzen zu kennen. Wie kann der Mensch den Weg zur Entschleunigung und Selbstbildung (wieder) finden?
Es ist wichtig, innezuhalten, sich den eigenen Quellen zuzuwenden und der veranlagten Lebenskraft der Freude zu folgen, die uns kleine Kinder lehren. Sie sind eine Quelle der Freude und des Lebensmutes. Wer ihnen folgt, der kann sein Leben im geordneten Rhythmus gestalten.
Zur Zeitsituation
In seiner Zeitanalyse zeigt der österreichische Sozialphilosoph und Ethiker Konrad Paul Liessmann, wie Wettbewerb und Wissensbilanz, Konkurrenz, Rankings, Verwertbarkeit des Wissens und Effizienzorientierung die Lebens- und Lernfelder beherrschen. Geistiges Durchdringen der Welt, soziale Kompetenz und Freude am Lernen werden durch ein konkurrierendes und auf Profit ausgerichtetes Ranking ersetzt. Dadurch wird ein lebendiges Auseinandersetzen des Lernenden mit sich selbst und der Welt verhindert.

© C.Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0
Wissen und Können werden in Konkurrenz zum Anderen erworben, konsumiert und industrialisiert. Erzieher und Kinder folgen dem Diktat der verwertungsorientierten Wissensgesellschaft, die sich in einem Netz von Mechanismen (Kontrolle, Evaluation, Überprüfungen, Anpassung an Leistungszielen) zunehmend unfreier bewegt. Bildungsziele werden auf verwertbare Kompetenzen reduziert. Spontanes und schöpferisches Handeln mit dem Andern bleiben auf der Strecke.
Mit Johann Wolfgang Goethe antworten
In der verwertungsorientierten Wissensgesellschaft dominieren Beschleunigung, Unruhe und Ungeduld. Sie behindern die Entwicklung und Bildung des Menschen. Johann Wolfgang Goethe, deutscher Dichter, Politiker und Naturforscher spricht vom langsamen Gebären der Gedanken aus dem Gegenstand selbst.

Das „gegenständliche Denken“ bezeichnet Goethe als das reifste Denken, das die Bildung von Vorstellungen ermöglicht und zu den Anfängen, zum Aufspüren des Elementaren und Ganzen führt. Nun regieren aber offenbar Eile und Beschleunigung die Welt. Dieses Veloziferische (eine Wortschöpfung Goethes: aus dem Lateinischen velocitas = Eile, und dem Italienischen velozifero = Eilwagen oder Eilpost) wird für Goethe zum Stigma seiner Zeit, es zeigt sich nun als Stigma der Gegenwart. Doktor Faust wollte immer mehr, unterlag Mephisto und musste des Teufels Joch der Eile und Unruhe tragen.
Das Beschleunigen ist mit einem Mehr verknüpft: Mehr leisten, mehr produzieren, mehr kommunizieren, mehr transportieren. Die Antizipation des Schnellen und des Mehr führt zu einer wechselseitigen Steigerung des Beschleunigens durch das Mehr-Haben. Wer mehr hat, will noch mehr und wer noch mehr hat, vermehrt sein Haben. Diese Dialektik beschrieb Karl Marx als die Systematik des kapitalistischen Wirtschaftslebens; sie ist in der modernen Forderungs- und Anspruchsgesellschaft präsent und damit in den gesellschaftlichen Institutionen des Lernens.
Doch Unruhe und Ungeduld sind Gift für das Leben und Lernen. Wie die Hirnforschung zeigt, greifen Unruhe und Ungeduld tief in die körperlich-seelisch-geistige Entwicklung ein und können zu nachhaltigen Störungen der Aufmerksamkeit, des geordneten und moralischen Denkens bei jedem Menschen jeden Alters und jeder Profession führen. Inzwischen kursiert der Begriff der Eilkrankheit. Heilung versprechende Therapien, Vereine und Gesellschaften für Zeitkultur schießen wie Pilze aus dem Boden. Zeitseminare für Zeitmanagement werden in Eigenzeit-Bildungsstätten angeboten.
Fazit
Die „Gesellschaft für Zeitkultur“ und der „Verein zur Verzögerung der Zeit“ zeigen den Umgang mit der Zeit auf gesunde Weise, auf die Goethe eindringlich aufmerksam macht.
Auf die dominierende Digitalisierung im menschlichen Miteinander ist durch eine grundlegende Orientierung an den tief im körperlich-seelisch veranlagten Bedürfnissen des lernenden Menschen auszugehen, die sich besonders an kleinen Kindern zu orientieren hat. Mit dieser Haltung lässt sich der Mensch nicht beherrschen. Er kann bis ins hohe Alter schöpferischer Gestalter seines Lebens sein und dem deutschen Dichter Theodor Fontane (1819-1898) folgen: „Leicht zu leben ohne Leichtsinn, heiter zu sein ohne Ausgelassenheit, Mut zu haben ohne Übermut“.
Prof. Dr. Ferdinand Klein
