Wenn Ahnenforschung zum Abenteuer wird

Wenn Ahnenforschung zum Abenteuer wird

Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährte sich heuer zum 80. Mal und obgleich ich 27 Jahre danach geboren wurde, holt mich die Zeit des Krieges immer wieder ein. Auch bei meiner jüngsten Reise nach Prag sollte dies der Fall sein. Es war eine wahrlich bedeutende Reise – voller Vorfreude, aber auch eine ins Ungewisse – doch in erster Linie gegen das Vergessen.

Genau genommen war es eine regelrechte Zeitreise. Der Anlass war die Einladung meines Kaschauer Cousins 2. Grades, Viliam Visokai, zu seinem 60. Geburtstag, den er groß in Prag feierte. Wir hatten uns erst vor einem Jahr durch den Tod seiner Tante Katarina Priščáková – nach Recherche Viliams – gefunden. Denn beim Leichenschmaus hatte er sich wieder einmal gefragt, ob es noch irgendwo Hecht-Verwandtschaft gibt. Bei der Beerdigung war auch meine Cousine Eva Wassermann. Von Eva weiß ich, dass sich Katarina, als sie ihr damals mitteilte, dass wir uns gefunden hatten, erinnerte, wie mein Vater mit mir als Zweieinhalbjährigem bei Emma (ihrer Mutter) zu Besuch war.

Emma Priščáková, geborene Hecht, war die Lieblingstante meines Vaters Rudolf Hecht. Sie war wie eine Heilige für ihn – wenn wir in die Zips fuhren, hieß es immer: „Tante Emma, Tante Emma“. Als Kind und auch als Jugendlicher hatte ich weder Interesse mitzukommen, noch verstand ich die Bedeutung von Familienbanden und wie wichtig sie für meinen Vater waren. 1990 waren meine Eltern und ich zuletzt gemeinsam in der Slowakei. Als mein Vater mich dann wieder fragte, ob ich nicht zu Tante Emma mitmöchte – und ich es diesmal gern wollte – war es zu spät, denn sie war bereits verstorben.

Emma, geb. Hecht (1910–1989), und Jan Priščák (1894–1969). Von links nach rechts ihre Töchter Adriana (1945), Katarina (1939–2024) und Judita (1943–2025), Foto 1946.
Emma, geb. Hecht (1910–1989), und Jan Priščák (1894–1969). Davor ihre Töchter Adriana (1945), Katarina (1939–2024) und Judita (1943–2025), Foto 1946.

Wieder zu spät

Bevor ich wie geplant meinen Vater eines Tages nochmals mit Nachdruck über Emma und andere Verwandte befragen konnte, trat er „die letzte Reise“ an.

Als Eva Katarina fragte, ob sie noch Fotos oder Dokumente von Emma habe, antwortete sie „Irgendwo habe ich was, aber ich weiß nicht mehr genau, wo und was. Und außerdem komme ich gerade von einer Augen-OP“ oder „Jetzt ist es zu heiß“ oder „Vielleicht im Herbst“. Irgendwas war immer. Ihre beiden Schwestern Judita und Adriana konnten aufgrund ihrer Demenz nicht befragt werden. Als ich bereits dachte: „Ob das mit einem Treffen oder den Fotos zu Lebzeiten noch was wird?“, kam die Nachricht von Katarinas Tod.

Das erste Zusammentreffen

Die Freude war beiderseits groß, als wir uns mit Viliam gegenüberstanden und herzlich umarmten. Schon vor unserem ersten Treffen sprachen Viliam und ich am Telefon auf Slowakisch. Zwar spricht er noch Deutsch, jedoch ist es mittlerweile zu wenig für eine anregende Unterhaltung. Neugierig fragte ich ihn, ob er sein Deutsch von Emma habe. Ja – und tatsächlich hat sie die ersten drei Jahre, in denen er bei ihr aufwuchs (da seine Mutter weiter weg tätig war), nur Deutsch mit ihm gesprochen. Slowakisch hat er erst später gelernt. Sein allererstes Wort war „heiß“, nachdem er sich am Ofen die Hand verbrannt hatte.

Er erzählte mir auch, dass Emma mit ihrer Familie nach dem Krieg sehr aufpassen musste – Deutsch zu sprechen war damals gefährlich. Darum sprachen ihre Töchter es nicht, konnten es aber verstehen.

Endlich mehr erfahren?

Als Lucia Cirbusová – die Dritte in unserem „Enkelbunde“ – hinzukam, gab es Küsschen und eine sehr innige Umarmung. Ich war so gerührt, dass mir die Tränen kamen. Sie ist die Enkelin von Magda, der Schwester Emmas und meines Großvaters. Wie oft habe ich mich gefragt, was wohl aus ihr geworden ist? Ich hatte nur drei Fotos und kaum Wissen über sie.

Von meiner Mutter wusste ich nur, dass Magda sehr krank war. Ich konnte lediglich Wohnort und Sterbedaten von ihr und ihrer Familie recherchieren. Doch dank einiger Fotos und Informationen, die mir Viliam geschickt hatte, und dem regen Austausch mit Lucia ergab vieles plötzlich Sinn.

So erfuhr ich, dass Magda mit 67 an Krebs starb und dass ihr Mann Stefan ein leidenschaftlicher Bastler mit riesigem Werkzeugkasten war – einer, der alles reparierte: von der Uhr bis zur Kommode.

Magda Hecht und Stefan Ovari am Tag ihrer Hochzeit in Felka/Veľká, am 9. September1936.
Magda Hecht und Stefan Ovari am Tag ihrer Hochzeit in Felka/Veľká, am 9. September 1936.

Vieles anders als gedacht

Dass Jan, Viliams Großvater, ein Slowake gewesen sei, bestätigte sich nicht. Tatsächlich gab er bei Volkszählungen vor 1945 als Nationalität „deutsch“ an. Jan, seine Eltern und Großeltern sprachen zu Hause ausschließlich Deutsch.

Auf Grundlage der Beneš-Dekrete kam es nach dem Krieg zu Massendeportationen der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Viliam glaubte deshalb, mein Vater und seine Mutter seien nach dem Krieg nach Deutschland deportiert worden. In Wahrheit wurden sie bereits im Herbst 1944 vor der heranrückenden sowjetischen Front aus der Zips evakuiert.

Was nach dem Krieg war

Neugierig fragte ich Viliam, wie Emma und ihre Familie in der Slowakei bleiben konnten. „Das war nicht einfach“, antwortete er. Nach dem Krieg wurde sein Großvater verhaftet, weil er Deutscher war, und in ein Internierungslager nach Göllnitz/Gelnica gebracht. Emma wusste nicht, wo ihr Mann war. Man wollte auch sie wegbringen, aber sie weigerte sich ohne ihn zu gehen. Ihre drei Kinder – Katarina (6), Judita (1½) und Adriana (im Januar 1945 geboren) – waren bei ihr. Daraufhin entzog man ihr offiziell den Bezug. Für den Staat existierte sie nicht mehr. Sie erhielt keine Lebensmittelkarten, keine Kleidung – und wurde nachts terrorisiert.

Doch die große Verwandtschaft, die von den Geschwistern ihrer Mutter (unserer Urgroßmutter) Irma Hecht, geborene Dubsky, abstammte, half. Besonders ihre Cousine Helena, die mit ihrem Mann Jozef Brodziansky ein Hotel in Lewenz/Levice besaß, schickte fast wöchentlich Pakete mit Lebensmitteln, Stoff und Geld.

An ein Paket mit blau-weißem Stoff erinnert sich Emma besonders. Über Nacht nähte sie Matrosenkleider für ihre Töchter, zog ihnen die neuen Sachen an, kaufte Eis und Zuckerwatte – und spazierte mit ihnen vor dem Nationalkomitee auf und ab – direkt unter dem Fenster der Männer, die jede Nacht versuchten, sie aus dem Haus zu vertreiben.

Viliams Großvater erlitt im Lager einen Schlaganfall. Der jüdische Arzt Dr. Littmann, der den Krieg im Wald in einem Erdloch überlebt hatte, behandelte ihn – auch, weil Viliams Großvater die Wertsachen der Familie Littmann sicher durch den Krieg gebracht hatte. Er entließ ihn sofort aus dem Lager zur Behandlung zu Hause. Wie es dann überhaupt möglich war, dass sie die Großeltern und ihre Kinder danach nicht doch noch ausgewiesen haben, weiß Viliam nicht. Allerdings blieb die deutsche und überwiegend „kleinbürgerliche“ Herkunft für die Familie weiterhin ein Problem. „Judita meine Mutter“, fügte Viliam abschließend noch an, „wollte Ärztin werden, aber sie durfte nicht Medizin studieren. Also studierte sie Lehramt und Naturwissenschaften. Das Komische daran ist, dass die Kommunisten sie keine Ärztin werden ließen, sie aber Kinder unterrichten durfte.“

Helena geb. Hecht (1910–1996) und Jozef Brodziansky (1912–1978) im Jahr 1945.
Helena geb. Hecht (1910–1996) und Jozef Brodziansky (1912–1978) im Jahr 1945.

Ein großer Plan

Auf Viliams Geburtstagsfeier traf ich erstmals Ondrej – Enkel von Helena und Jozef Brodziansky – und dessen Neffen Martin Brodziansky. Wir tauschten Fotos, Wissen und Telefonnummern aus. Ondrej sagte: „Hätte ich gewusst, dass du kommst, hätte ich das Familienalbum mitgebracht.“ „Das holen wir nach“, antwortete ich, „wenn wir uns mit Eva Wassermann in der Slowakei treffen.“ Ondrej erinnerte sich, dass seine Großeltern mit ihm und seinem Vater immer zur Sommerfrische nach Matzdorf/Matejovce zu Evas Großeltern fuhren. So wuchs nicht nur meine Verwandtschaft – auch das Wissen über sie wurde immer größer.

Martin (*1993) und Ondrej (*1972) Brodziansky im Jahr 2025.
Martin (*1993) und Ondrej (*1972) Brodziansky im Jahr 2025.

Bei all den Fotos, die gemacht wurden, fragte sich Martin: „Ob in 100, 150 oder 250 Jahren noch jemand wissen wird, wer das alles war?“ Meine Antwort: „Ganz sicher.“ Denn ich wusste bereits von Viliams großem Plan. Er hat die Fotoalben seiner Familie digitalisiert – 1.500 Fotos – und wir versehen sie jetzt gemeinsam mit Nummern, Namen, Lebensdaten und allen nötigen Infos. Bevor es zu spät ist. Damit das Wissen um unsere Ahnen erhalten bleibt.

Ein echtes Abenteuer

Abschließend war diese Reise ins Ungewisse spannend und emotional, denn ich habe nicht nur viel über meine Familie erfahren – sondern dadurch auch viel über mich selbst. Ein echtes Abenteuer. Ist doch ein echtes Abenteuer eine Reise zu sich selbst.

Norbert Hecht